Kurzvorstellung meines Gerber Folding Sportsman II

Bukowski

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Moin,

heute möchte ich einen Postlerruf 📯🗣️ vor lauter Begeisterung gleich mit einer kurzen Vorstellung verbinden.

Doch zuallererst möchte ich mich herzlich bei Markus (@Schickser) bedanken, der sich andernorts auf mein Gesuch gemeldet, meine Fragen ebenso freundlich wie geduldig beantwortet und mir das Messer schließlich überlassen hat.

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Denn der kleine Gerber Folding Sportsman I (oben im Bild) hat mir so gut gefallen, dass auch der größere Sportsman II zügig einziehen sollte.

Das Modell Folding Sportsman II wurde von Gerber in Portland Oregon produziert. Einige wenige Klingen wurden sogar als Auftragsarbeiten in Solingen gefertigt.

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Seite 4 aus dem Gerber-Katalog von 1979

Zum Produktionszeitraum des Folding Sportsman II ergab meine Recherche unterschiedliche Resultate.
Eingeführt wurde das Modell demnach zwischen 1972 und 1975, also zu der Zeit, als Al Mar noch bei Gerber tätig war. Ob Al Mar allerdings auch alleinig für den Entwurf verantwortlich ist, konnte ich nicht abschließend aufklären. Ich vermag jedenfalls durchaus seine Handschrift in dem Modell wiederzuerkennen.

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Seite 8 aus dem Gerber-Katalog von 1983

Während einige Quellen das offizielle Ende der Hauptserie um 1986 (dem Jahr des Verkaufs von Gerber an Fiskars) ansetzen, wurde das Modell offenbar in verschiedenen Varianten noch bis ca. 1997 weitergeführt.

Der fließende Übergang vom Ricasso zur Primärfase deutet bei meinem Exemplar auf ein frühes Produktionsdatum hin. Spätere Modelle erhielten am Übergang vom Ricasso zur Primärfase den bis heute gängigen Plunge-Grind.

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Die Primärfase wurde im Werk "double-wedge ground", erhielt also einen Keilschliff (auch als V-Schliff oder Flachschliff bekannt).

Wie auf dem Bild zu erkennen, ist der Anschliff bei meinem Exemplar allerdings nicht mehr im Originalzustand. Die Klinge wurde von einem der Vorbesitzer fachmännisch auf konvex umgeschliffen und neu poliert.
Das dürfte zwar den Sammlerwert schmälern, steigert den Nutzwert dafür umso mehr.

Sogar die Schärfe war intakt. Ich musste lediglich die Innerein des Messers von angesammeltem Schmutz befreien, damit der Backlock wieder mit dem wohlig metallischen *Klack* spielfrei und zuverlässig einrasten konnte.

Abschließend noch ein paar Daten und mein Resümee zum Messer:

Klingenlänge: 9,1 cm
Klingenstärke:
  • 2,4 mm an der Klingenwurzel
  • 2,2 mm über dem Ricasso
  • 0,3 mm über der Wate
Klingenstahl: 440C
HRC: 57-59
Gewicht: 135,6 g
Gesamtlänge: 20,5 cm
Grifflänge: 11,4 cm
Griffbreite: 9,3 mm
Verschluss: Backlock
Inlays: Ebenholz
Platinen: massives Messing (aus dem Vollen gefräst)

Das Folding Sportsman II ist schlank, durch die massiven Messing-Platinen dennoch sehr stabil – und das bei moderatem Sebenza-Weight.
Ein eleganter Westküstler alter Schule.

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Klingenlänge und Schneideigenschaften meines Exemplars werte ich als absolute EDC-Spitzenklasse. Der konvexe Anschliff bringt gleichermaßen Stabilität und Schneidfreude mit sich.

Ihr seht, ich bin auf Wolke 7 und wünsche allen ein frohes Osterfest.
 
Zuletzt bearbeitet:
Sehr schöner Bericht - mit spürbarer Begeisterung geschrieben.

Es ist in der Tat ein sehr elegantes und dennoch arbeitstaugliches Messer mit vorzüglich Messdaten. Wer würde solches beim Anblick dieses Volleisens schon vermuten?

Eine echte Trüffel unter den Klassikern aus alten Zeit, da komm‘ ich direkt ins Grübeln.

Danke und mehr davon..

grüsse, pebe
 
Toll es mal wieder zu sehen. Das Sportsman II hatte ich auch mal und es geliebt weil es so dünn und robust war. Da hat aber leider jemand so lange auf mich eingeredet bis ich es ihm überlassen habe. Als Ersatz kam dann das Böker Titan Drop. Auch schön dünn und gut zu tragen.
 
Servus,

ein schlicht als herrlich zu beurteilender Bericht. Eine kurze Zeitreise jenseits einer im Vordergrund stehender „Stahlfrage“. Die Wirkung dieses Messer auf den Sammler wie auch Nutzer bildet sich über Design, Machart und Funktion aus und nicht zu vergessen das was wir als „Spirit“ wahrnehmen wenn wir es in der Hand halten und anschauen. Hier ist das „Damals“ auch noch ein Wert. Der Klingenstahl ist sekundär, die Freude über die Schneidfähigkeit durch Erfahrung groß.

Tolles Messer, wunderbar präsentiert.

Gruß, güNef
 
Danke Daniel - ein tolles Review mit großen ( berechtigten) Emotionen.
MMn atmen solche Oldtimer eine schwer zu beschreibende Wertigkeit aus. Dem werden moderne Serienmesser eher seltener gerecht, ihre funktionale Cleaness lassen sie oft steril anmutend.Ich habe mehrere solcher Brummer- Folder zB von Kershaw, Al Mar oder Hatori, die diese nostalgischen Vibes erzeugen- ich kann Dich da voll und ganz verstehen 👌🏼👌🏼👌🏼

PS- die heutige Messerwahl dürfte jetzt bereits feststehen😉
Ach und Frohe Ostern 🐰
 
Danke, meine lieben Mitstreiter, für eure wohltuend mitfühlende Resonanz!

Das vermeintlich Einfache ist manchmal im wahrsten Sinne das Goldrichtige.

Das Sportsman II steckt schon im Hosensack auf dem Weg zum Osterbrunch...
 
Schöne Vorstellung und schönes Messer. Oder um es mit Johann Joachim Winckelmann zu sagen: "Edle Einfalt, stille Größe!"
Einfalt in der alten Bedeutung, d.h. einig sein mit sich selbst,Beschränkung auf das Wesentliche, eine reine Schönheit, elegant aber ohne Übermaß und oberflachliche Effekte.
Und dabei noch gebrauchsfähig.
 
Zuletzt bearbeitet:
Vielen Dank für die gelungene Wieder-Vorstellung eines Klassikers, den man gar nicht genug wertschätzen kann.
Tolles Design, wertiges Material, pfiffige Ideen gestalten ein Taschenmesser, das Generationen erfreuen kann.
Besonders bemerkenswert finde ich auch die Konstruktion der Klingenachse, die ein Verschieben völlig unmöglich macht.

Frohe Ostern!
 
Herzlichen Dank euch!

"Edle Einfalt, stille Größe!"
Diese Umschreibung ist aus meiner Sicht absolut zutreffend!

Besonders bemerkenswert finde ich auch die Konstruktion der Klingenachse, die ein Verschieben völlig unmöglich macht.
Lieber Lutz, wäre es möglich, dass du dies näher ausführst? Davon habe ich bisher nämlich noch garnicht gelesen.
 
Gerne, lieber Daniel! Die Klingenachse ist nicht -wie man es denkt und kennt- ein gleichstarker Bolzen, der an den Enden gestaucht wird, um nicht zu verrutschen, sondern ist dreifach stufig gestaltet. In der Mitte (dort, wo die Klinge geführt wird) ist er am stärksten, dann wird er etwas dünner und zu den Backen hin noch dünner. Das heißt bei Gerber: "Unique Gerber Pin Construction".
Aber Bilder können deutlich besser erklären als ich. Deshalb verweise ich nach unten auf´s Messermuseum/Gerber/Folding Sportsman I; hier findet sich im alten Katalogblatt unten links eine Abbildung samt Erklärung.
 
Danke dir! Ich hatte schon darüber gestaunt, dass die Klingen bei beiden Modellen auch nach gut 30 Jahren auf dem Buckel keinerlei Spiel aufweisen. Diese innovative Lösung ist wahrscheinlich dafür mitverantwortlich.

Man könnte die Konstruktion auch als Vorläufer des reev'schen Pivot Bushing bezeichnen. 😉
 
Toller Bericht, @Bukowski , da spricht ein volles Sammlerherz! Der Convexgrind kommt dir doch sowieso entgegen, sparst dir also DIY.
Apropos Sammlerherz: Sind noch einige Modelle zu erlegen, viel Erfolg.

Abu
 
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