Laguiole mit leicht fragwürdiger Verarbeitung

JoFunk

Mitglied

Hallöchen!
Als Neuling hier hatte ich mir heute nach langem suchen und informieren mein erstes Laguiole gekauft; ein schönes 11cm Modell mit Wacholdergriff.
Was mir auffiel, als ich‘s hier ein wenig drehte und wendete ist, dass das Hirtenkreuz etwas unsauber gearbeitet ist und das Messer im zugeklappten Zustand hinten mit der Klingenspitze aus dem Resort raushängt, woran ich mich zu allem Überfluss schon gerissen habe.
Denkt ihr, gerade bei den 140€, dass das Gründe sind, das im Laden mal anzusprechen oder sind das „übliche“ Fehler. Hätte das eigentlich nicht erwartet beim Ruf von Laguiole en Aubrac.
Danke schonmal!

Hier zu den Bildern:
image00001.jpeg and 2 more files
 
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Du könntest lieb und nett mit dem Händler plauschen und seine meinung einholen. Eventuel findet sich eine lösung welche für beide seiten akzeptabel ist.
 

Abu

Premium Mitglied
Kleine Unsauberkeiten halte ich in der Preiskategorie für akzeptabel, finden sich durchaus auch bei hochwertigeren. Werden dann gern als Zeichen von Handarbeit gewertet. Mit der Klingenspitze musst du in dich gehen, ob du es ggf umtauschen willst, sollte doch möglich sein. Ich hatte das auch mal an einem handmade (kein Laguiole), bin gern mit der Fingerkuppe dran hängen geblieben. Hab sie beim Macher überarbeiten lassen, das scheidet aber bei dir sicher aus.
Aber: Nicht den Spaß nehmen lassen!
Abu
 

DirkWitten

Mitglied
Hätte das eigentlich nicht erwartet beim Ruf von Laguiole en Aubrac.
Vorweg:

Das hat wenig mit einem "Ruf" zu tun. Laguiole-Taschenmesser gibt es ja von etwa 70 bis weit über 3000 Euro zu kaufen. Kommt also auch ein wenig auf die Schmiede an und die Menge, die dort produziert wird.
Die meisten "günstigen" Messer von den einschlägigen Schmieden, die dann letztendlich aus Stanzteilen in Handarbeit quasi im Akkord zusammengesetzt werden, sind wirklich erkennbar "handgemacht"
Laguiole En Aubrac ist eine der größten "Schmieden" und wirbt damit, dass jeweils ein einzelner Schmied ein Messer von der Esse bis zum Verkaufstresen komplett selbst fertigt. Das stimmt nicht wirklich so, denn die große Masse der "günstigen" Laguiole en Aubrac wird von den knapp 100 "Messerschmieden" wirklich nur noch zusammengebaut - also eher Kommerz vor Schönheit - da kann sowas schon mal vorkommen.
Das bedeutet nicht, dass alles von der Firma so gefertigt wird, die große Masse ist schon gut gefertigt und ein Laguiole En Aubrac aus der Edition Pierre Martin oder eines der >220 Lagen Damast-Laguioles ist sogar von herausragender Qualität.

Was mir auffiel, als ich‘s hier ein wenig drehte und wendete ist, dass das Hirtenkreuz etwas unsauber gearbeitet ist und das Messer im zugeklappten Zustand hinten mit der Klingenspitze aus dem Resort raushängt, woran ich mich zu allem Überfluss schon gerissen habe.

Zum Problem:

Das Problem, was Dein Laguiole hat, ist erst mal garnicht das Hirtenkreuz, die sind alle handgebohrt und grade das macht ja den Charme der Messer aus. Ich habe mehrere Laguioles und wenn man die Hirtenkreuze anschaut, dann sind die zwar nicht so "aus der Reihe" wie bei Deinem Exemplar, aber 100% in Linie sind die irgendwie nie - finde das ist nicht unbedingt ein Mangel.

Das Problem ist schlicht und ergreifend der Klingenanschlag, der verhindern soll, dass die Klinge das Ressort berührt. Wenn also die Klinge hinten zwischen den Platinen herauslugt, dann ist das Messer nicht vernünftig justiert. Um das zu reparieren müsste die Klinge am Klingenschutz-Anschlag angepasst werden - und das ist dann definitiv ein Mangel am Messer, denn um das zu bewerkstelligen müsste man vermutlich die Klinge ausbauen und am Ressort oder der Klinge rumfeilen. Ich würde das Messer zurückgeben!

Du sprichst von deinem "ersten Laguiole" - wenn Du diese Messer als traditionelle Erzeugnisse aus der Auvergne sammeln willst, dann überlege eventuell mal, ob Du nicht auch dort hergestellte Messer kaufst. Laguiole en Aubrac ist jetzt keine "Schmiede der Auvergne" wie die Forge oder Honore Durand aus Laguiole oder Le Fidele oder Philippe Voisserie aus Thiers, Laguiole en Aubrac sind halt eine der vielen Schmieden, die auf den Laguiole-Zug aufgesprungen sind. Mir persönlich ist die Messerherkunft und die Tradition, die dahinter steckt, recht wichtig, alleine vom Gefühl her - klingt vielleicht blöd, ist aber so - ein Messer aus Thiers oder Laguiole hat für mich irgendwie mehr "Geschichte" weil es aus den klassischen Messermacher-Städten in der Auvergne stammt.

Wenn Du günstige und gute Lagioles suchst, dann könntest Du Dich mal bei Honore Durand (aus Laguiole) oder Le Fidele (aus Thiers) umsehen, die bauen in der Auvergne klasse Laguiole-Messer und die sind nicht wesentlich teurer als die von Laguiole en Aubrac. Die Le Fidele Messer sind übrigens für das Geld sehr sehr wertig gebaut, unglaublich stramm und ohne jegliches Spiel, Honore Durand ist etwas teurer als Le Fidele, aber sicherlich jeden Cent wert.
 
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JoFunk

Mitglied
Schon einmal vielen Dank euch allen; freue mich über so eine rege Community.
Ich habe das Messer tatsächlich im Einzelhandel erstanden und hoffe daher, dass es dennoch zurückgenommen wird, ohne dass es groß Gezeder gibt. Stand lange vor den verschiedenen Modellen und bemerkte den Makel tatsächlich auch erst, als ich kurz später nach dem Messer in der Tasche griff und mir den Finger ritzte.
Dazu soll‘s eigentlich mehr oder minder „das Messer“ sein. „Sammeln“ tue ich Messer eher in der Küche; als Taschenmesser wollte ich aber gern‘ einen treuen Begleiter. Und @DirkWitten, interessant, was du über die Firmen erzählst, ich hatte zum Beispiel gelesen, dass gerade Forge de Laguiole etwas weniger die „Tradition“ innehabe, da sie erst seit den 70ern fertigen, während man den Aubrac Messern allgemein eher die Tradition anzurechnen schien. Jedoch werde ich dort mal im Sortiment schauen.

Mal allgemein zur Grifflänge: Mir schien das 11er nun etwas kompakter, das 12er aber irgendwie handlicher; was habt ihr für Erfahrungen über dir Jahre gemacht und was nehmt ihr mit auf Touren und in den Wald?

Danke euch!
 
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Rudi_57

Premium Mitglied
Servus,
ich habe drei 12cm Laguioles in verschiedenen Ausführungen) und vier andere Messer (Le Roquefort, L'Antò, Le Thiers, Capuchadou)
von Fontenille Pataud. Couteaux Laguiole de fabrication française
Alle ohne Fehl und Tadel. In den Wald würde ich das Antò mitnehmen, da es am stabilsten ist, ansonsten
lieber ein feststehendes Messer. In die Stadt und in Frankreich ins Restaurant darf jedes der Laguioles mit. Ich trage die Laguioles
in einem Gürteletui von Max Capdebarthes, für die Hosentasche sind sie mir zu lang.
On prépare le printemps !
Gruß
Rudi
.
 

DirkWitten

Mitglied
was nehmt ihr mit auf Touren und in den Wald?

... das Immerindertaschemesser ist ein Laguiole Honore Durand 12 cm mit Veilchenholzgriff, guillochierter Biene und Messerrücken und polierten Edelstahl-Backen

während man den Aubrac Messern allgemein eher die Tradition anzurechnen schien.

Ja klar, das Dorf Laguiole liegt ja ebenfalls noch auf dem Hochplateau Aubrac.

Wenn man die Geschichte der französischen Taschenmesser ansich verfolgt, dann ist der Ort Espalion (Aveyron) tatsächlich ein traditioneller Messermacher-Ort, also der Ort, wo heute die Laguiole en Aubrac gebaut werden, in Espalion gab es im 17. Jhd die ersten Couteliers. Es gab in der Auvergne eine Zeit, wo man begann die Taschenmesser-Produktion zu optimieren, da gab es Bauern, die im Winter in den Messerschmieden gearbeitet hatten, teilweise wurden Taschenmesser sogar in Heimarbeit zusammen gebaut. Zur Zeit der Belle Epoche gab es einen riesigen Markt für diese Messer, diese lange Friedenszeit war ja auch die Grundlage für den damaligen wirtschaftlichen Aufschwung.
Schon vor dieser Zeit gab es in Espalion die Notwendigkeit effizienter zu produzieren, dazu gab es eine Verbindung mit den sehr erfahrenen Messermachern aus Thiers, die im Gegensatz zu den Couteliers in Espalion/Aveyron bereits arbeitsteilig vorgingen und in ihrer Branche deutlich weiter und "moderner" waren. Diese Messermacher aus Thiers haben sich schon sehr sehr früh der klassischen Klingenkunst in der Auvergne einen Namen gemacht - deswegen waren die auch so erfolgreich - die ersten Messerschmiede waren dort schon im 14 Jhd niedergelassen. Es gab in Thiers schon sehr früh Klingenschmiede, Schleifer und Messerbauer, also schmiedeten immer die gleichen Männer die Klingen, andere bauten die Messer zusammen und die Schleifer lagen auf dem Bauch, teilweise mit ihren Hunden zusammen, die im Winter an den riesigen Wassersteinen etwas Wärme abgaben. Da wurde quasi auf Vorrat produziert, denn im Sommer waren die Arbeiter ja meistens Bauern.
Rein geografisch liegt Aveyron/Aubrac ja im Gebiet Auvergne-Rhône-Alpes und Espalion ist auch eine klassische Messerstadt, das ist keine Frage. Das Laguiole wird heute weltweit produziert, man hatte ja versäumt sich dieses Design schützen zu lassen. So kommen diese Messer aus Laguiole, aus Thiers, aus Espalion, aus Teilen Südfrankreichs, China, Pakistan u.s.w. - wenn man allerdings den Ursprung dieses Laguiole-Messers sucht, dann kommt man eben zu diesem kleinen Dorf Laguiole, welches auch zum Département_Aveyron bzw. Aubrac gehört.
Von den damaligen Schmieden gibt es heute keine mehr, das waren Namen wie "Pagés" oder "Calmels" die nach dem Vorbild des Capujadou-Messers damals um etwa 1850 anfingen spezielle, für die Bauern erschwingliche, Klappmesser zu schmieden - muss man sich mal überlegen - die haben in Laguiole zunächst mit grade mal 10-12 Mann den Bedarf an diesen Messern für eine ganze Region gedeckt.
Man könnte heute sagen, dass die Rue de Valat der Geburtsort des Laguiole war, teilweise wurden die Klingen dort in importiertem 2. Wahl-Olivenöl aus der Provence gehärtet. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kam dann der Handel und letztendlich auch der "Messerboom" der Belle Epoche und der Erfolg des Laguiole zog dann die Messermacher von Thiers ins Boot und so weiter und so fort...

Vielleicht sind für mich, mit der Leidenschaft für diese Klassiker der Auvergne, eben nur diese Messermacher von Thiers und Laguiole geografisch in meinem Kopf fixiert - liegt vermutlich an Christian Lemasson, der ein tolles Buch über diese Branche dort geschrieben hat.
 

Rudi_57

Premium Mitglied
Servus Dirk,
ich war mit 16 1973 zum ersten Mal in Thiers, habe damals vom Papa ein Douk Douk bekommen. 1975
war ich wieder dort, und habe mein erstes Laguiole gekauft. Das war genau die Zeit der 'Großen Laguiole Krise',
die auch in Thiers viele Betriebe nicht überstanden haben. Damals hatte der französische Landwirt halt
ein Opinel, Pradel, Douk Douk und Co. einstecken. Die Wiederbelebung haben wir tatsächlich der Rückbesinnung
der Franzosen auf ihre Traditionsmesser zu verdanken. Natürlich auch 'Types' (im positiven Sinn) wie Michel Chambon
in Laguiole oder Gilles Steinberg in Thiers, die neue Marken begründeten (Michel mit der Forge) bzw. alte Marken
mit eigenem Geld (Gilles mit Fontenille Pataud) am Leben erhielten. Und Christian Lemasson, der darüber tolle Bücher schreibt. 😊
Gruß
Rudi
 

Virgil4

Premium Mitglied
Merci beaucoup, Messieurs, für die Hintergrundinfos zu den Laguiole-Messern.

Hier noch ein paar Infos zu Thiers als Ergänzung, klick

Da ich meine Messer meist in der Hosentasche trage, sind mir die 12 cm Laguiole zu groß.

Meine EDC-Franzosen: Le Saint Bernard und das P45.

Greetz

Virgil
 

JoFunk

Mitglied
Hach wow, erneut wieder eine Menge Historie! Werde mich mal bei der Forge und den Honoré Durand umschauen. Vielleicht ja indes mit einer Ecke mehr Tradition „starten“. Daumen drücken, dass der Herr am Montag den Makel ebenso akzeptiert und ich das Messer umtauschen bzw. zurückgeben kann.
 

DirkWitten

Mitglied
Sehr gute Erfahrungen habe ich mit einem Händler aus Wuppertal mit Ladengeschäft gemacht, der verkauft auch online und hat eine riesige Auswahl.
Einfach nach "original-laguiole" suchen, der Laden heißt auch so.