Stiefelmesser - mit dem zweiten stiefelt's besser

kaiman

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"Stiefelmesser" oder "Boot Knife" - mit der Bezeichnung gibt es seeeehr viele Modelle aus allen möglichen Fabriken und Fabrikationen; wenn man mal von den "echten" Kampfdolchen, die ursprünglich für's Militär gedacht waren, absieht, wäre in dieser Kategorie auch das sehr schöne Puma 3573 zu nennen, das u.a. in den USA auch mit einer Klemmsteckscheide als "Boot Knife" angeboten wurde. Für mich sind Stiefelmesser eigentlich immer etwas eher kleineres, handliches, i.d.R. feststehendes, gerne pieksig-spitz & oft zweischneidig, schnell griffbereit und schnell in der Hand.

Jedenfalls nie und nimmer ein Klappmesser ...

Dennoch vermarktete Köller genau ein solches als "Stiefelmesser"; wir haben hier im Forum bereits einige Einträge dazu, teils mit, teils ohne Bilder ... in der letzteren Kategorie sind einige von mir, in denen ich einer entgangenen Chance hinterherjammere :LOL:

Nun aber ist Schluß mit Jammern, denn durch einen Tausch mit @Abu - eine ernste Sache ;) - habe ich eben so ein Stiefelmesser, unbenutzt, bekommen. Es wurde schon mal hier gezeigt. Und da ich schon längere Zeit ein - allerdings gebrauchtes - Exemplar in Besitz habe, feue ich mich um so mehr, nun beide vorstellen zu können. Oben neu & knackig, unten alt (& trotzdem noch ziemlich knackig):

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Man kann schon die Abnutzung meines Bestandsmessers erkennen; nicht nur am Verlust des Klingenmaterials, sondern auch an den "runderen" Kanten überall ...

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... und natürlich am - sagen wir mal - "Ersatzteil" aus Holz, das einer der Vorbesitzer reingeleimt hat. Ich vermute, ich bin der dritte Besitzer; der erste hat den Bruch geschlossen, der zweite wollte eine bessere Reparatur vornehmen (das Messer kam mit einem Stück Hirschhorn in passender Länge; natürlich bei Knochenschalen nicht soooo der Hit), hat aber dann anscheinend die Lust verloren ... außerdem waren beide Klingen deutlich strapaziert, bei aber insgesamt wirklich gutem technischen Zustand: Der Hauptbenutzer hat es bei allem Einsatz gut behandelt, soviel ist mal sicher.

Und: Die Patina auf dem Neuzugang ist bestimmt irgendeinem bei einem Streetfight abgestochenen Apfel o.ä. zu verdanken ... ;)

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Und wie man (hoffentlich) sehen kann: Das Holzstück ist sorgfältig angepaßt, eingeklebt und sogar lackiert worden: Da kann man wirklich nicht meckern. Liegt angenehm in der Hand, und ist vor allem ein Stück der Geschichte des Messers.

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OK: Das Bild ist suboptimal, tut mir leid; ich denke aber, man erkennt, worum es geht: Bei dem, wie ich vermute, älteren Messer ist das Köller-Logo sehr kompakt oval/augenförmig, mit dem Köller-Adler als zentralem Inhalt; alles eng zusammen ...

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... wohingegen das bei den neueren etwas aufgelockerter rüberkommt.

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Vielleicht gibt es ja auch beim Köller-Logo Hinweise auf den Enstehungszeitpunkt, so wie das bei den Böker-Messern (und anderen auch) ja damit zumindest in etwa einzuordnen ist. Dem Carter ist lediglich zu entnehmen, daß diese Form des Logos - mit "vereinfachtem" und nach rechts blickendem Adler - ab 1942 eingesetzt wurde. Eventuell kann der Zusatz "Germany" bei diesem Messer auf Exportware schließen lassen ...?

Auch beim Stempel auf der großen Klinge kann man beim alten sehen, daß das mehr oder weniger dasselbe Logo wie auf der kleinen Klinge ist; oval, mit dem zu erahnenden Adler(kopf) darunter ...

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... wohingegen beim neueren ganz popelig "Hugo Köller Germany" in zwei geraden Zeilen zu sehen ist.

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Rückenansicht - ziemlich rustikale Bauweise mit deutlichen Spalten, oder aber Folgen ausgiebiger Benutzung ...?

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Egal, welches - bei dem neueren ist alles paßgenau.

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Nochmal mein Dank an @Abu für den Tausch - ich denke, wir sind beide sehr zufrieden! :D:: Ich gestehe, ich wurde bei aller historischen und auch technischen Faszination für "Ernst" nie so richtig warm mit dem Messer; ich möchte meine auch immer mal wieder als EDC dabeihaben, und das fühlte sich mit Ernst irgendwie nicht richtig an. Vielleicht zu viel der historischen Aufladung - mein Opa hat sowohl den ersten (ab 1915 - da war er 17) als auch den zweiten WK mitgemacht (nicht als Offizier), und wenn er mal davon erzählt hat (was meine Oma immer zu verhindern suchte, weil er danach jedesmal völlig durch den Wind war), war ich immer froh, NICHT in der Situation gewesen zu sein (müssen).

Daher freu' ich mich sehr über den zweiten Stiefel.

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Stiefelmesser, hmmm. Cool. Dann war ich doch nicht der Einzige ...
Ich habe einige Jahre lang viel im Wald rund um ein Schloss gearbeitet, wo ich "Facility Manager" war. Ich trug dann sommers eine leichte Rallye-Kombi und winters eine gefütterte BW-Panzerkombi. Dazu die braunen ungefütterten BW-Kampfstiefel. Darin einen Buck-110-ähnlichen Folder mit 10-cm-Klinge. Zum Tragen hatte ich mir ein Leder-Etui mit Titanclip passend gefertigt und hatte das Messer dann immer zugeklappt im Stiefel. Da hat es nicht gestört, weil ich häufig durch enge Gänge, Schornsteine oder so krauchen musste.
Foto gibts keins, zu lange her...
 
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Die Restaurierung gefällt mir- passt wie die Faust auf‘s Auge, bei diesem Messer.
Und gelernt habe ich auch was- in diesem Zusammenhang kannte ich „Stiefelmesser“ überhaupt nicht🤷🏻‍♂️
Die Geschichte gefällt mir noch mehr. Mein Opa war Sanitäter in WWI und WWII - mein Vater hat auf Sizilien sein Bein verloren und ist um seine gesamte Jugend betrogen worden.
Geredet haben beide fast nie darüber……

Make ❤️ Love, Not War ☮️
Excalibur
 
„Stiefelmesser“ findet sich auch im Katalog aus den 1950ern von Hubertus, s. HIER auf S. 1
Das Modell 3175 ähnelt frappierend meinem Gräfrath, sogar die 20,5 cm stimmen. Ich besitze also auch noch so eines.
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Abu
 
das u.a. in den USA auch mit einer Klemmsteckscheide als "Boot Knife" angeboten wurde. Für mich sind Stiefelmesser eigentlich immer etwas eher kleineres, handliches, i.d.R. feststehendes, gerne pieksig-spitz & oft zweischneidig, schnell griffbereit und schnell in der Hand.

Jedenfalls nie und nimmer ein Klappmesser ...
Also für mich definiert sich ein Stiefelmesser dadurch, das es sich komfortabel an/in einem Stiefel i.w.S. tragen lässt. Das bedingt gewisse Anforderungen oder auch Begrenzungen bei Maßen, Gewichten und Formen sowie der beschaffenheit der Oberflächen. Entscheidend ist dabei aber die von Dir genannte Klemmsteckscheide oder etwas funktionell entsprechendes. Klappmesser an sich sind da für mich auch mit drin, allerdings ist dann hier auch die Scheide originärer Bestandteil, wie bei einem Fixed. Ok, bei Klappern mit geeignetem Clip und Bauform geht es eventuell auch ohne, aber das ist was anderes.

Deine beiden hübschen Köllers gehen da für mich durchaus in die Richtung, da sie sich mit ihrem breiten, symetrischen Griffende und der Form des Vorderteils im zugeklappten Zustand vermutlich gut in einer stiefeltauglichen Scheide unterbringen ließen, ohne dabei zu fest oder am/im Stiefel unzugänglich zu sein. Inwieweit die Geweihschalen, die Zierstreifen auf den Backen und v.a. der Korkenziehe da komfortabel wären, wäre in einer Scheide ja egal. Zu Stiefelmessern würden sie für mich aber eben erst in Kombination mit einer solchen Scheide werden. Man könnte natürlich bei solchen Klappern auch eine passende Scheide bzw. Tasche an/in einen Stiefelschaft applizieren, aber das wäre aus meiner Sicht in mehrfacher Hinsicht unpraktisch ...
 
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Ich finde die Reparatur der Griffschale klasse. Kaschiert nicht, dass es sich um einen Gebrauchsgegenstand mit einhergehenden Gebrauchsspuren handelt, ist aber liebevoll umgesetzt.
 
Ein Reload an dieser Stelle ... eigentlich müßte ich die Überschrift anpassen ...

Schon relativ kurz nach der Erstellung dieses Threads habe ich beim Umsortieren zweier Kisten in einen Rexxam-Vertreterkoffer (OK, nicht so schön wie die Kisten, aber abschließbar und mit viel Platz :)) festgestellt, daß da noch mehr ist ... tatsächlich habe ich zur eigenen Überraschung sechs Stück dieses Messertyps - ich hatte nur vier auf dem Schirm.

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Alles Federmesserdrücker, natürlich.

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Von links nach rechts: Köller, Klinge 8,5 cm, geschlossen 10,5 cm

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August Stukenbrok, Klinge 8,7 cm, geschlossen 10,7 cm

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Herm. Konejung, Klinge 9,3 cm, geschlossen 11 cm

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Und dann drei [identische] Köller, von denen ich das schwarze ...

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... und das ganz links zu Anfang dieses Threads gezeigt habe.

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Das dazwischen ist mir danach irgendwann zugelaufen ...

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Bei dem August Stukenbrok habe ich lange vergeblich nach weiteren Informationen gesucht; der Name hätte in's Münsterland verweisen können, wobei dann natürlich die Assoziation zu den Münster'schen Adelsmessern von Herlitzius direkt aufpoppt. Aber die Suche ergab scheinbar zunächst nix, außer einem Fahrradhändler (klick) - und ich habe wohl nicht genau genug hingesehen ... jedenfalls habe ich das Messer erstmal gedanklich als "Kleinhersteller oder Händlermarke" (à la Branner) verortet und in die Kiste einsortiert.

Erst mit Erlangung eines Carters habe ich dann festgestellt, daß jener Fahrradhändler tatsächlich auch der Händler des Messers war: "Einbeck" - lt. Carter in Hessen, BTW; de facto liegt Einbeck aber in Südniedersachsen - ist auch auf dem Stempel zwar mehr zu erahnen als zu erkennen, aber doch sichtbar vorhanden. Was zwischen "Stukenbrok" und "Einbeck" steht, kann ich leider nicht herleiten: Falls jemand was weiß, würde ich mich freuen.

Dieses Messer ist mit Sicherheit das älteste der sechs, denn August Stukenbrok hat anscheinend mit Ende des WK I seine Handeltätigkeit eingestellt. Und auch "Händlermarke" war vermutlich richtig, denn - laut Carter - hat die Firma eingekauft: "(...) and a selection of pocket knives bought from J. Albert Schmidt Nachf. (q.v.) of Solingen." Diese Firma (Schmidt) hatte anscheinend mehr Markennamen als alle anderen Hersteller registriert (> 40), u.a. "Waidmannsheil" und "Hubertus". Im Carter ist bei Schmidt auch wiederum ein Querverweis zu einem Katalog von August Stukenbrok zu finden.

Das nächste, vom Alter her, dürfte das Herm. Konejung sein; da würde ich auf die 1930er Jahre tippen ... das jüngste ist wohl das "kleine" Köller, das mit seiner Klinge von 8,5 cm eigentlich eine angenehme Größe hat, aber neben den anderen doch etwas zurückbleibt.
 
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@kaiman Eine beeindruckende Sammlung eines besonderen Messertyps. Manchmal ist es gut, alles durchzusehen, was man bereits hat und wiederfindet, braucht man nicht mehr zu jagen.

Abu
 
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