UNIVERSAL Werzeugtaschenschere - 130 Jahre „eierlegende Wollmichsau“

Abu

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Bis zu 18 Funktionen beschreibt eine alte Werbung, und es war ein Spaß, uns mit Blick in die damalige Zeit die Teile Anwendungen zu ergründen.


Schere (1) ist klar, Lineal und Zentimetermaß (2+3) offensichtlich, rotierend-gezahntes Kopierrädchen (4) kennen Frauen aus der Handarbeit, bei der Knopflochschere (5) mit der Stellschraube für die Schnitttiefe braucht es dann schon mehr Expertise.
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Auch an den Mann ist gedacht: Glasschneider und -brecher (6+7), Rohr- eher Röhrchenzange (8), Drahtschneider (9), Zigarrenschneider (10). Dass man mit jeder Schere auch Zigarrenkisten öffnen kann (11) , wird in der Werbung erwähnt, aber: per Hammerfläche (12) am Scherenauge lässt sie sich auch wieder schließen.
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„Behufs eines Nagels am Holm“ (in Patentamtsprache) lässt sich die Schere teilen und gibt eine Messerklinge (13) mit Schraubendreher (14) an der Spitze frei. Das Loch an der Scherenspitze soll der Patronenzieher (15) sein, ich nehme an für Stiftfeuerpatronen. Die Rundung dient als Tintenradierer (16), sinnvoll für buchhalterische „Radierungen“.
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Unisex ist die Nagelfeile (17) an der Scherenflanke ausgelegt. Der Knüller zweifellos das Stereoscop (18), darauf wäre man nie gekommen.
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Allgemein fällt die sehr gendergerechte Verteilung der Funktionen auf. Wobei man sicher über den Sinn von Patronenzieher in Kombi mit Knopflochschere diskutieren könnte.

Es sei mir gestattet, dass ich im Zusammenhang mit der Schere meine eigene Wortschöpfung „Messer als Kulturfolger“ nutze, da die Merkmale auch hier über mehr als ein Jahrhundert gegeben sind. Die „Kulturfolge“ hätte diesem Instrument heute ganz das Ende gebracht. Der Werbehinweis beim Stereoscop auf „Ansicht fr. Damenb…“ lässt auf männliche Zielgruppe schließen und würde heute einen Shitstorm auf die Manufaktur F. W. Klever jun. Solingen niedergehen lassen. 1896 war das mit DRGM 61060 schützenswert, wenig später folgten Patente GB 189912106 und US 667.914, aus dem diese Zeichnung ist.

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Für mich ist dieses nur 11,5 cm kleine Teil mit dem hübschen Etui ein besonderes Belegexemplar alter Solinger Schneidwaren!

Abu
 
Du zeigst hier etwas ganz Besonderes! Ich bin begeistert, wie innovativ, intelligent und handwerklich überragend, Werkzeugmacher schon vor über 100 Jahren waren. Vielen Dank fürs Zeigen!

Gruß
Matthias
 
Das ist ein tolles Teil!
Die Gaszange ist wohl das gezahnte nah am Nagel (Bei größeren Geräten auch Nußknacker). Nur leider liegen die Backen ja nicht in einer Ebene, ist da was gegen genmacht? die ist offenbar für die Gasbrenner Düsen.
 
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Das ist ein tolles Teil!
Die Gaszange ist wohl das gezahnte nah am Nagel (Bei größeren Geräten auch Nußknacker). Nur leider liegen die Backen ja nicht in einer Ebene, ist da was gegen genmacht? die ist offenbar für die Gasbrenner Düsen.

Ja, die Backen sind versetzt - und als Nussknacker wohl nicht gedacht. Gasbrenner Düse sagt mir jetzt nichts. Immerhin müsste es die dann 1896 bereits gegeben haben.

Ich hoffe, ich darf mich mit einer kleinen Kuriosität anhängen.

Klar, deine Kuriosität passt dazu, eine Zange statt Schere. Auch so ein tolles Teil!

Abu
 
Superbe - auch ,daß Herr Klever das Patent als "Subjekt des Kaisers" ("a subject of the Emperor of Germany) beantragt hat :irre:

Vielen Dank für die tolle Vorstellung - auch wenn ich das mit dem Stereoscop noch nicht "durchschaut" habe ...

Bonne soirée

Virgil
 
Superbe - auch ,daß Herr Klever das Patent als "Subjekt des Kaisers" ("a subject of the Emperor of Germany) beantragt hat :irre:

Vielen Dank für die tolle Vorstellung - auch wenn ich das mit dem Stereoscop noch nicht "durchschaut" habe ...
Virgil

Danke dir. Den Bezug zu „WILLEM ZWO“ habe ich nicht gefunden. 🤷

Für das Stereoscop benötige ich auch noch jene fr. Damenb…, ich lese das französische Damenbilder, an anderer Stelle steht auch „Tänzerinnen“. 🤦

Abu
 
Ich hab den kaiserlichen Input hier in der amerikanischen Patentschrift gefunden: klick

Am besten auf "Download PDF" klicken, dann sieht man das gescannte Dokument.

Zur Funktion des Stereoskops hab ich beim Stöbern auch was gefunden: Man blickte wohl durch die beiden Scherenaugen (Griffösen) der geschlossenen Schere wie durch ein Stereoskop hindurch — auch ohne Linsen (wie bei "normalen" Stereoskopen) reichte der binokulare Blick durch die beiden Öffnungen, um Stereokarten zu betrachten. Das wäre für die 1890er Jahre typisch — Stereoskopie war ein populäres Massenunterhaltungsmedium.

Mehr dazu bei Wikipedia: klick

Wieder was gelernt heute - ich kann beruhigt schlafen gehen ... ;)

Bonne nuit

Virgil
 
Zuletzt bearbeitet:
Danke, das mit den Scherenaugen hatte ich vermutet. Werde mal versuchen ein Stereobild zu bekommen.
Auch wieder was gelernt !

Abu
 
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