Welche Verarbeitungsqualität kann man bei einem 230€-Messer erwarten?

Carl Hanger

Mitglied
Vor ein paar Tagen ist mein 210mm Yoshikane Gyuto angekommen. Von der schneidleistung bin ich begeistert und werde es definitiv behalten, allerdings hat mich das "fit and finish" doch etwas enttäuscht. Zwischen Griff und Erl sind an drei Stellen ca 1 mm^2 große Löcher. Die Kanten am Erl und dem hinterem Ende der Klinge sind recht scharfkantig und an der Fuge zwischen den zwei Griffhölzern ist der Stoß deutlich spürbar.

Das ist zwar alles Nebensächlich (bis auf die scharfen Kanten, die bei längerer Benutzung tatsächlich stören könnten) und ich weiß, dass es bei japanischen Messern hauptsächlich um die Klinge geht, aber trotzdem hatte ich etwas mehr erwartet. Bin ich einfach zu pingelig? Muss man für sehr gute bis perfekte Verarbeitung noch tiefer in die Tasche greifen?
 

Bukowski

Mitglied
Man muss nicht zwingend wesentlich tiefer in die Tasche greifen. Z.B. Jürgen Schanz macht zu dem Kurs sauber verarbeitete Kochmesser mit verrundeten Kanten und spaltfreien Passungen, dazu ist die Flacherl-Bauweise noch aufwendiger als der Steckerl.

...oder Mazaki, um einen japanischen Hersteller zu nennen.

Edit: die Frage bleibt aber, ob man dann auch genau den Klingenschliff bekommt, den man möchte. Beides ist zu dem Kurs, zumindest für mich, nicht so einfach.
 
Zuletzt bearbeitet:

güNef

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Servus,

ich weiß, dass es bei japanischen Messern hauptsächlich um die Klinge geht, aber trotzdem hatte ich etwas mehr erwartet. Bin ich einfach zu pingelig? Muss man für sehr gute bis perfekte Verarbeitung noch tiefer in die Tasche greifen?

ich bin da ganz bei dir. Die pingeligen haben es am japanischen Messermarkt schwer. ;) Was habe ich mich oft geärgert, wie nachlässig und sorglos viele japanische Meister ihre Messer finishen. Es gibt einige große Händler, die kaufen nur mehr Klingen und montieren dann selbst sorgfältig hübsche Griffe dran, um den europäischen Kunden nicht zu vergrämen. Wenn du auf sorgfältiges Finish genauso viel Wert legst, wie auf eine gut gemachte Klinge, dann such dir die paar Schmieden raus, die das auch umsetzen und meide die "Wabi Sabi" Fraktion, die für weniger Arbeitsschritte gleich viel, oder mehr verlangen, wie jene, die auf Passungen, Rundungen und Spaltmaße acht geben. Du hast die Wahl.

Wenn dich ein Schmied fasziniert, von dem du unbedingt ein Messer möchtest und der brennt nur einen schlichten Honoki-Griff ein, lässt den Schmauch dran, lässt das viel zu große Erlloch offen, sprengt die Zwinge, lässt am Rücken und am Kehl Grat oder Zunder überstehen, dann musst du entweder damit leben lernen, oder nacharbeiten, bzw. nacharbeiten lassen.

Ich bin nach jahrelangem Pendeln zwischen verschiedenen japanischen Schmieden und Manufakturen, wieder bei europäischen Messermachern gelandet. Die können den Stil auch, arbeiten aber unvergleichlich akribischer am Detail. Und Yasuki-Stähle habe ich auch durch und kann gut ohne diese auskommen. ;) Ich verstehe aber die Faszination, die japanische Messer ausüben können, wenn man sich näher damit befasst.

Gruß, güNef
 

knifeaddict

Mitglied
Welches sind denn die japanischen Schmiede, die Wert auf den F&F legen, güNef? Rein Interesse halber...
Moin

Liegt auch ein wenig daran , das der japanische Weg...einkleben nicht wirklich hübsch aussieht.
Sieht auch oft lieblos aus....muss man sich vorher klar sein.
Es gibt aber Hersteller die das Finish gut hinbekommen

SuisinIHO

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Yo Kurosaki

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Yo Kurosaki

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Akifusa

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Gegen ein Made in Germany ...in diesem Fall Simon Herde...sehen die KEIN Land


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Man muss sich den Hersteller wirklich vorher anschauen

Gruss

Micha
 

Gabriel

Premium Mitglied
Moin,

eigentlich ist es ganz einfach. Für 230€ gibt es bei normaler Onlinebestellung ein Messer was zuverlässig gut gefinished ist (sprich meist hoher maschineller Anteil in der Fertigung) ODER ein Messer, was hervorragend schneidet. Ein Messer, was beides vereint zu dem Preis ist mir nicht bekannt leider seit in den letzten Jahren die Preise so angezogen haben...

Der beste Weg wäre entweder sich ein Messer vom Händler des Vertrauens handselektieren zu lassen, welches normalerweise großen Serienstreuungen unterliegt (z.B. Herder vom Messerkontor o.ä.) oder ein Messer zu kaufen, welches vom Händler generell schon nachgearbeitet wurde. So baut z.B. Knives & Stones nicht nur eigene (recht gut gefertigte) Griffe auch an recht preiswerte Messer sondern führt in Zuge dessen auch eine gewisse Qualitätssicherung durch.

ODER.... um die 100-200€ mehr sieht die Welt schon anders aus... ;)


Gruß, Gabriel
 

güNef

Premium Mitglied
Servus,

Welches sind denn die japanischen Schmiede, die Wert auf den F&F legen, güNef? Rein Interesse halber...

Das ist sehr schwer zu beantworten, da viele Manufakturen/Schmieden zwar ein Portfolio in preislich abgestuften Kleineserien anbieten, aber die absolute Konstanz an Makelfreiheit fehlt um eine sichere Empfehlung auszusprechen. Meist werden drei oder vier Serien angeboten, z.B. Wakui bietet ein Hairline-Finish, ein Korouchi-Finish und ein Nasiji-Finish, andere bieten eine Prof-Serie und Standard-Serie usw. Innerhalb dieser Serien kommt es immer wieder mal zu Qualitätsschwankungen. Ich hatte schon ein wirklich perfektes Sakai-Yusuke in der Hand, aber auch schon eines mit schief eingebrachter Klinge. Da Manufakturen ( Serienstreuung ) und auch traditionelle Schmieden ( Stückmeister mit schwankenden Toleranzen ) immer so gut sind, wie letzte Kontrolle bevor die Messer rausgehen, ist das immer auch ein Glückspiel was durch die Qualitätskontrolle rutscht, oder was hängen bleibt .

Negativbeispiel: Teruyasu Fujiwara Western Maboroshi liegt im Preisbereich von 350,- Euro

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Topfinish das wirklich immer gleich bleibt gibt's gesichert bei Simon Herde, Xerxes-Knife, Marco Guldimann, Ben Kamon, und ein paar schwedischen und dänischen Messermacher rücken auf, also alles Europäer, die einen völlig anderen Zugang/Anspruch haben, als die meisten japanischen Messermacher.

Gruß, güNef
 

Rock'n'Roll

MF Ehrenmitglied
Ich brech' mal 'ne Lanze für das Konosuke HD2 Gyuto 240. Auf dem 2. Bild neben einem Masakage Yuki Nakiri. Da gibt es nichts zu mäkeln. Gibt es allerdings auch nicht für 230,- € ...

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R'n'R
 

Bukowski

Mitglied
Der beste Weg wäre entweder sich ein Messer vom Händler des Vertrauens handselektieren zu lassen, welches normalerweise großen Serienstreuungen unterliegt (z.B. Herder vom Messerkontor o.ä.)
Von Herder gibt's allerdings ab Werk kein Modell mit verrundeten Kanten an Rücken und Kehl. Dafür ist ein ausgesuchtes nagelgängiges Herder im Hinblick auf die Schneidperformance 'ne schwer zu schlagende Macht in dem Preissektor.. und die Kanten sind flott mit Schleifpapier verrundet.
 

WISCHI

Mitglied
Servus!

Ich hatte mal ein Sakai Yusuke mit Ho Holz, extra thin extra harden, das war ein ausgesprochen gutes und auch sauber verarbeitetes Messer. Aktuell gibt es genau eines in den mir bekannten Shops, ein extra thick extra harden, das kostet in 210mm rund 190€, das kann sich insgesamt also mit den 230€ ausgehen.

Wischi

@Rock'n'Roll: Das Konosuke HD2 kenn ich doch ;)
 

Carl Hanger

Mitglied
Vielen Dank für eure zahlreichen Antworten. Ich denke es ist wie Gabriel sagt. Für den Preis gibt es nicht so gute Messer mit perfektem Finish oder sehr gute Messer mit nicht perfekter Verarbeitung (natürlich mit Ausnahmen). Das Yoshikane gehört definitiv zu zweiteren und das ist mir auch deutlich lieber. Die kleinen Fehler am Griff und die scharfen Kanten sind leicht selbst behebbar, eine schlechte Geometrie korrigieren zu müssen wäre deutlich ärgerlicher.
 

safferli

Mitglied
Vielen Dank an knifeaddict, güNef, und alle anderen die sich meiner Frage angenommen haben!

Mein Vorsatz für 2021 ist es, mehr über Messerschmiede und -firmen zu wissen, nachdem mein Vorsatz für 2020 war, mehr über Messer zu wissen ;) Wie gesagt, wissen, nicht besitzen, sonst wird das ein zu teures Hobby :p