Kryptonit: Karbonstahl

Carbontrust

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Im Jahre 2018 war ich noch Student und habe meine Studentenküche mit dem kleinen Küchenmesser meiner verstorbenen Urgroßmutter „geschmissen“. Irgendwie fand ich dieses Messer cool, gleichzeitig merkte ich aber, dass es doch ziemlich klein war und dass es im Thema Messer bestimmt noch deutlich mehr gibt. Als angehender Maschinenbauingenieur denke ich in solchen Dingen oft etwas wirkungsgrad-optimiert, wenn ihr versteht, was ich meine. Für mich steht intuitiv zunächst die Effektivität im Vordergrund, und erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Schönheit hinter einem Objekt – oder stelle eben fest, dass sie fehlt.

Damals dachte ich mir also: Ich mag dieses Messer wirklich gern, aber da draußen in der Welt muss es garantiert Messer geben, die eine Performance haben, mit der dieses alte Messer nicht im Geringsten mithalten kann. So begannen meine ersten Recherchen und das Einlesen in die Materie. Einen besonderen Fokus legte ich zunächst auf die Eigenschaften der Stähle, da ich diese aus dem Studium bereits aus verschiedenen Stahltabellen und der Theorie kannte.

Dabei fiel mir auf, dass Kohlenstoffstähle, also Stähle ohne große Chromanteile und damit nicht rostfrei beziehungsweise eher rostarm, eine gewisse Nischenexistenz haben. Zu diesem Zeitpunkt machte ich mir viele Gedanken darüber, warum Kohlenstoffstähle überhaupt in der Küche eingesetzt werden, da sie auf den ersten Blick dafür völlig ungeeignet erscheinen. Ich meine: Warum baut man ein Messer, das bei Kontakt mit feuchten Materialien (und das sind Lebensmittel nun einmal fast immer) aktiv reagiert und sich in gewisser Weise verändert oder sogar „schadet“?

Doch nach und nach baute ich mir mein eigenes Bild auf, so wie ich es verstanden habe. Stahl hat Stärken und Schwächen in verschiedenen Kategorien:
Wie gut und wie einfach lässt er sich schärfen?
Wie lange hält er die Schärfe?
Wie tolerant ist er gegenüber Ausbrüchen oder plastischer Verformung?
Wie reaktiv ist er?
Wie gesagt: Zu diesem Zeitpunkt war ich mit Messern kaum vertraut, lediglich über Stähle wusste ich ein wenig. Ich interpretierte mir die Sache damals so, dass man, wenn man in einer Kategorie schwächer ist, dafür in anderen Kategorien „Punkte übrig“ hat. So erschien es mir irgendwie reizvoll, auf Rostfreiheit zu verzichten, schließlich wurde das vor einigen Jahrzehnten genauso gemacht, als es Edelstahl beziehungsweise rostfreie Stähle schlicht noch nicht gab. Ich erhoffte mir dadurch mehr Effizienz in anderen Bereichen wie Schärfbarkeit, Schnitthaltigkeit und Elastizität bzw. Verzeihbarkeit.
Als Kind der 90er hat Kohlenstoffstahl für mich außerdem etwas Nostalgisches. Ich wusste, dass er über viele Jahrzehnte der Standard war und die Menschen damit umgehen konnten. Heute wirkt es fast so, als hätte die Menschheit diesen Umgang verlernt. An dieser Stelle kommt wieder das Messer meiner Urgroßmutter ins Spiel: Es war rostfrei. Schade, wie ich fand. Aber es war eben die Zeit, in der rostfreie Messer ihren Durchbruch hatten und als modern und fortschrittlich galten.

Nach ersten ausführlichen Internetrecherchen stellte ich fest, dass insbesondere bei japanischen Messern noch häufig Kohlenstoffstähle zum Einsatz kommen. Gleichzeitig merkte ich, dass die Preise sehr schnell von moderat zu, zumindest für mich, exorbitant wurden. Gerade als Student war mein Budget für solche Spaßkäufe stark begrenzt. Nach mehreren Monaten Recherche nahm meine Begeisterung und das „Haben-Wollen-Gefühl“ stetig zu, bis ich mich irgendwann dazu durchrang, mir einfach ein neues Messer zu kaufen. Und natürlich sollte es nicht rostfrei sein.

Die Entscheidung fiel schließlich auf folgendes Messer:
Yamashin Kurouchi Funayuki.
Ich war sofort von der Schärfe überrascht, und damit endgültig angefixt. Schnell merkte ich, dass mich die fehlende Rostfreiheit überhaupt nicht störte. Stattdessen etablierte sich ein simples Ritual, mit dem ich nie wirkliche Probleme hatte: Nach dem Schneiden direkt abwaschen, unter dem Wasserhahn, je nach Schneidgut mit etwas Spülmittel oder bei Gemüse auch nur mit klarem Wasser. Und dann ganz wichtig: gründlich abtrocknen. Es sollte keinerlei Feuchtigkeit auf dem Messer verbleiben. Danach wegräumen und ich hatte wirklich nie Probleme. Auch ohne Öl auf die Klinge aufzutragen. Wer jetzt an die Spülmaschine denkt, liegt hier übrigens komplett falsch!
Anfangs dachte ich, die enorme Schärfe läge ausschließlich am Kohlenstoffstahl. Heute weiß ich natürlich, dass es hauptsächlich an der deutlich schneidfreudigeren Geometrie im Vergleich zu den Messern lag, die ich zuvor kannte. Der Mythos, dass Kohlenstoffstähle grundsätzlich „besser“ seien, ist spätestens mit dem Aufkommen pulvermetallurgischer Stähle widerlegt, die in vielen Effizienzklassen deutlich überlegen sind.

Trotzdem muss ich sagen, dass dies der Keim meiner Liebe zu Kohlenstoffstählen war. Mit der Zeit begann ich, auf gewisse Nebeneffekte zu achten, allen voran die Patinierung. Diese faszinierte mich sehr, da ich nicht nur optische Veränderungen wahrnahm, sondern auch feststellte, dass mit fortschreitender, flächenschließender Patinabildung die Reaktivität des Stahls deutlich gedämpft wurde.
Und dann war da noch etwas: Die Verfärbungen waren einfach unglaublich interessant. Sie waren farbenfroh und veränderten sich nach jeder Benutzung. Es schien mir, als würde das Messer leben, als hätte es eine Seele. Es war nicht länger nur ein starrer Gegenstand, sondern zeigte, was man mit ihm erlebt hatte. Als wollte es seine Geschichte erzählen. Darüber hatte ich vorher nie nachgedacht, und so wurde Kohlenstoffstahl für mich nicht nur technisch faszinierend, sondern auch etwas Lebendiges und Kunstvolles.

Jetzt ein Sprung ins Jahr 2026:
Heute bin ich deutlich erfahrener und aufgeklärter. Auch wenn ich hier im Forum bisher fast nur mitgelesen habe, würde ich sagen, dass ich inzwischen fast schon ein Veteran im Bereich Küchenmesser geworden bin, solange man Euch hier nicht zum Vergleich heranzieht.
Ich möchte euch nun zwei Messer vorstellen, die mich aktuell sehr beschäftigen.

Als Erstes ein Neuzugang aus Q4 2025: das Herder 1922 groß mit Pflaumenholzgriff.
Warum nicht Walnuss, fragt ihr euch? Ganz einfach: Ich lege meinen Fokus auf die Performance der Klinge also der Schneideigenschaften und nicht darauf, aus welchem Holz der Griff besteht. Übrigens finde ich die Pflaumenholzgriffe sehr schön. Mich fasziniert dieses Messer, weil es ein Klassiker ist, der vor allem durch seine Performance überzeugt. Insbesondere die Balligkeit und der, für deutsche Verhältnisse, sehr feine Ausschliff machen es besonders. Mein Exemplar hat mich allerdings etwas enttäuscht, da es nicht ganz so dünn ausgeschliffen ist, wie ich es erwartet hatte. Dennoch ist es im Gesamtpaket einfach ein tolles Messer.

Und nun zu meinen "Alltagshuren" entschuldigt den Ausdruck, aber ich finde, hier passt er einfach. Diese Messer werden vier- bis fünfmal pro Woche benutzt, immer dann, wenn es schnell gehen muss und ich keinen Wert auf Genuss-Schnitt lege. Das Böker, das ich damals für 49 € gekauft habe, ist preis-leistungs-technisch meiner Meinung nach der Maßstab, um ein gutes Kohlenstoffstahlmesser zu erleben. Ich habe es nach ein paar Monaten laienhaft ausgedünnt und dabei ausschließlich auf Performance, nicht auf Optik geachtet. Das erkennt man an einigen unsauber wirkenden Schleifspuren, doch der Effekt ist bis heute spürbar. Es ist nicht so dünn wie ein gutes Herder, aber genau dadurch ist es das Messer, bei dem man nicht aufpassen muss und auch Hokaido und Co. ohne Bauchschmerzen zerlegt. Trotzdem ist es um Welten schärfer und schneidfreudiger als etwa 90 % aller "normalen" Messer da draußen, würde ich sagen.

Und jetzt warte ich schon auf die Stimmen, die sagen, Patinabildung sei störend, aber schaut selbst: Ist das nicht ein Kunstwerk? Die nach jeder Benutzung wechselnden Farben und der Verlauf?
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VG
 
Deine Faszination ist nachvollziehbar. Eine wirklich schöne Patina.

Noch ein kleiner Hinweis:
spätestens nach Anbruch des Fläschchens mit dem Herder-Holzpflegeöl sollte man dieses stehend aufbewahren, da die Dichtigkeit im Liegen nicht immer hundertprozentig gegeben ist.
 
Sehr schöner Beitrag - den ich voll und ganz nachvollziehen kann.

Trotz mancher Preziosen in meiner Kochmessersammlung, haben das 1922er wie auch das Cotton Craft einen besonderen Dauerplatz an meinen Leisten.

Ersteres handverlesen, entsprechend ausreichend leicht schneidend, das Böker händisch ausgedünnt und ballig gefinished etwas weniger leistungsfähig als das Herder - genau, das Messer für ungeniertes Sauigeln.

Das 1922er kannst Du Dir für überschaubare Kosten von Schanz auch ausdünnen lassen - finde, es muss den eigenen Ansprüchen genügen, wo die auch immer liegen mögen.

Ein Messer, dass jeden ohne explizite Spezialanforderungen, ausser stabil UND leicht schneiden zufrieden stellen sollte. Der Klassik Habitus als Bonus - in jeder Hinsicht Leica statt Nikon.

Weiter so.

grüsse, pebe
 
@Carbontrust Glückwunsch zum Herder! es gibt bei europäischen C-Stahl-Serienmessern nicht viel Besseres im Bezug auf Schneidfreude und Profil für Wiegeschnitt.
Aber selbst Gutes kann man noch besser machen: Meines hat bei Jürgen Schanz eine Kur hinter sich, bei dem es ausgedünnt wurde, der Bart zurück gesetzt wurde und der Rücken verrundet wurde. Seither macht es noch mehr Spass.
Das Logo ist zwar weg, ebenso die in 12 Jahren entstandene Patina, aber Letztere baut sich ja wieder auf…
 
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Vielen Dank für die netten Kommentare!

@UKG bisher habe ich das Holzpflegeöl noch nicht gebaucht, aber der Tag wird kommen und ich werde an dein Tipp denken ;)

Ich hatte mir vom 1922 doch etwas mehr erhofft in Bezug auf die Nagelgängigkeit. Das 11€ Herder Kneipchen aus dem Supermarkt buckelt schon bei leichtem Druck während man beim 1922 wirklich ordentlich drücken muss um überhaupt ein leichtes Buckeln erahnen zu können. Ich bin wohl selbst schuld, da ich das 1922 online gekauft habe und so nicht vorher testen konnte um ein gutes Exemplar zu erwischen. Über Kurz oder Lang muss es wohl zu Schanz. Der Wegfall des Logos ist für mich vertretbar.
Wenn ich das serien 1922 mit dem laienhaft ausgedünnten Cottage-Craft vergleiche, so unterliegt das Cottage nur durch die fehlende Balligkeit und dem fehlen des Mythos. Dafür ist es ein Messer welches man bedenkenlos benutzt und sich auch an erste Projekte wie dem Ausdünnen herantraut. Der Stahl hält sehr gut die Schärfe und wird sehr bissig (ok, es wird vor jedem Kochen für ein paar wenige Züge über den Wetzstahl gezogen), Nachschärfen auf Naniwa Pro 3000 ist ein mal im Jahr ausreichend. Somit liegt es für mich momentan sogar etwas vor dem 1922, wenn ich die beiden bewerten müsste.
VG
 
@Carbontrust Das 1922er ist auf HRC 60, das sie Böker Cottage Craft auf HRC 57 gehärtet. Das macht schon einen gewissen Unterschied in der Standzeit. Das Böker ist deutlich robuster, ich kenne beide Messer. Der Vorteil des Bökers: Es hat keinen Bart, man kann die Fase daher bis zum Kehl hin schleifen.
Wetzen geht mit beiden Messern problemlos, das Herder nimmt das Wiederherstellen der Fase eines Dickoron Superfeinzug lange Zeit sehr gut an. Es gibt kaum ein besseres Profil für Wiegeschnitt als das das großen 1922ers in der 23-cm-Klasse.
Böker hat sich wohl aus Angst vor zu vielen Rückläufern wegen Ausbrüchen bei der Cottage Craft-Serie einfach nicht getraut, die Messer dünner an der Wate zu auszuschleifen. Dabei verzeiht der zähe C75-Stahl durchaus einige Benutzerfehler. @Hybi999 könnte dir einige Lobeshymnen auf das Böker schreiben, nachdem er es hat ausdünnen lassen...
Dir könnte auch eines Tages das Herder K-Chef gefallen. Trotz vergleichbarer Länge mit dem 1922er ist es vom Profil her einem japanischen Gyotu ähnlicher als einem europäischen Chefmesser. Es ist mein persönliches Workhorse für Arbeiten, für die mir das 1922 zu fragil erscheint.
Pflegeöl: Ballistol ist prima für die Klingen, für die Griffe ideal ist ein Bad im Leinfirnis – das zieht schnell und tief ein. Andere Öle ranzen (und stinken) früher oder später...
 
Einige meiner Lieblingsmesser sind aus den einfachen Karbonstählen (nicht nur in der Küche).
Objektiv gibt es bessere Stähle für die Küche. Allerdings sollte man ein Messer nie nach nur einer Eigenschaft bewerten, sondern immer im Gesamtpaket. Dazu gehört neben Geometrie, Balance und einem ergonomischen Griff auch ein effizientes Konzept zum scharf halten.

Böker hat sich wohl aus Angst vor zu vielen Rückläufern wegen Ausbrüchen bei der Cottage Craft-Serie einfach nicht getraut, die Messer dünner an der Wate zu auszuschleifen.
Der Stahl bricht auch dünn geschliffen nicht leicht aus. Böker hätte hier ruhig etwas mutiger sein können. Es muss nicht gleich ins Extreme fallen, auch 0.25 mm hinter der Wate wäre eine deutliche Verbesserung.


Den Hechtsäbel habe ich übrigens ballig auf Null umgeschliffen.

Gruß, Andreas
 
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