Die Frage: "Red ich umsonst", war halbwegs ernst gemeint, die Frage nach dem "besten Stahl" natürlich nicht.
Die Reaktionen zeigen, daß die Frage auch zu recht gestellt war. Ich versuche, so genau auszudifferenzieren wie es geht- und niemand auf die Füße zu treten- und die Reaktionen sind teilweise wie die von Müttern, deren Kinder man nicht als die Schönsten bezeichnet hat.
Ich rede die PM-Stähle nicht schlecht-schließlich habe ich sie wohl als Erster -1984- benutzt und in Wolf Borgers Messerheft einen Artikel darüber geschrieben, in dem ich die PM-Technik als echten Durchbruch bezeichnet habe. Sie bringt bei den Ledeburitstählen ganz zweifellos große Vorteile und diese enorm verschleißfesten Stähle halten die erreichbare Schärfe länger als alle anderen. Sie haben aber auch ihre Schwächen: Zähigkeit und die Stabilität feiner Schneidkanten liegen deutlich unter der guter Werkzeugstähle.
Hans Peter Krause Batz hat recht umfangreiche Versuche mit verschiedensten Stählen angestellt, bei denen er die Robustheit der Schneiden durch Einschlagen in Nägel oder Eisenbleche untersucht hat.
Klingen aus 1.1545 hielten das bis zu einem Schneidenwinkel von 20 Grad aus, während die höher legierten allesamt bei etwa 40 % den Geist aufgaben-pardon-sie haben ja keinen Geist, sagen wir also: versagten.
Das Bild mit der Parodontose-paradox kenne ich, Paradontose nicht- sollte verdeutlichen, daß viele Karbide, auch wenn sie klein genug sind, die mechanischen Eigenschaften herabsetzen (mit Ausnahme der Druckfestigkeit). PM-Stähle sind bekanntlich in erster Linie entwickelt worden, um die hohe Legierung ohne Entmischung und Seigerung nutzen zu können. Stähle im Bereich unter den Ledeburiten braucht man nicht im PM-Verfahren herzustellen, weil man diese Stähle auch herkömmlich sauber und homogen erzeugen kann und weil man ihre Karbide durch geeignete Wärmebehandlung fein einstellen kann, was bei den Stählen mit Primärkarbiden eben nicht möglich ist.
Um wieviel geringer die Bindekräfte zwischen Matrix und Karbidkorn sind, als die zwischen den Matrixkörnchen selbst, weiß man wohl nicht so ganz genau. Daß sie geringer sind, steht auf Grund unzähliger Versuche fest. Klassisch zeigt sich das an der Anisotropie herkömmlich hergestellter Ledeburitstähle, die quer zur Walzrichtung nur etwa 50 % der Festigkeit haben wie längs zur Walzrichtung.
Hat man aber nun auch im gehärteten Zustand noch einen Karbidanteil von 20 und mehr Prozent, so kann man eine Schwächung der Gesamtstruktur nicht ernsthaft leugnen.
Das würde auch bei sehr kleinen Karbidchen gelten.
Warum ich zu den etlichen tausend Gefügebildern, die man anschauen kann und aus denen man Schlüsse ziehen kann, noch eines vorzeigen soll, weiß ich nicht. Die Gefügebilder, die ich vor mir habe, zeigen den Maßstab 1: 1000, behandeln ca. 50 Messerstähle und sind 2005 an der Ruhruniversität in Bochum gemacht worden. Roman wird sie für ein Buch
auswerten, in dem insbesondere Schneidenmodelle mit verschiedenen Schneidenwinkeln vorgestellt werden. Eine Kostprobe ist hier vor einiger Zeit schon mal behandelt worden. Neuere Gefügebilder als diese kenne ich nicht. Sollte mal ein PM-Stahl mit Karbiden unter 1my hergestellt werden und der Massenanteil der Karbide nicht zu hoch sein, würde ich mich sehr freuen. Ich glaube allerdings eher nicht daran, daß dies geschehen wird. Technisch möglich ist es ganz sicher schon jetzt, wirtschaftlich aber wegen der geringen sinnvollen Anwendungsbreite nicht wahrscheinlich: Wenn man schon PM-Stähle herstellt, macht es Sinn, die Verschleißfestigkeit durch Vermehrung der Karbide zu erhöhen, also- um bei dem Bild zu bleiben- noch mehr Zähne in noch weniger Zahnfleisch unterzubringen. Man kann so sicher die Lücke zu den Hartmetallen schließen, allerdings auf Kosten der Schärfbarkeit, Zähigkeit und Erzielung feinster Schneiden.
MfG U. Gerfin