Was war zuerst: Kronkorken oder Kapselheber?

Abu

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Klingt albern, aber zumindest in D hatte der Heber lange Zeit nichts zu heben. Doch der Reihe nach….

USA
1892 lässt sich W. Painter den Kronkorken patentieren. Wenige Jahre danach soll es erste Kapselheber an Taschenmessern gegeben haben, gelegentlich als Kombiwerkzeug, z.B. mit Drahtschneider für Champusdrähte.

Ähnlich diesem späteren KRUSIUS
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19XX Die noch heute klassische Form des Kapselhebers setzt sich durch, z.B. mittels Sportmesser Remington oder BOKER.

DEUTSCHLAND
Vor den 1950/60ern sind die Kapselheber im Grunde hier sinnlos, die Verschlusstechnik setzt sich erst in dieser Zeit durch.
Ende der 1920er gibt es einzelne, geringe Nutzung von Kronkorken auf Wasserflaschen. Die Brauereien der 1930er ff sind konservativ: Deutsches Bier = Deutscher „Plopp“-Bügelverschluss!

Dennoch: Es werden in Solingen fleißig Taschenmesser mit Kapselheber gebaut, ich nenne sie mal „US-Form“ Z.B. das Böker Sportmesser. Hier ein Exemplar um ca. 1927, eigentlich für den US-Markt vorgesehen.
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BÖHMEN (Tschechoslowakei)
Die Braukunst der Böhmen ist und war berühmt, Pilsener, Budweiser…
Bereits aus den 1930ern habe ich in Sammlungen Kronkorken von Biermarken und Wasser gesehen, sie waren offenbar weiter als in Deutschland.
Und: Die Böhmen sind in der Gestaltung ihres Kapselhebers eigene Wege gegangen, wie dieses Modell von Franz Josef Frenzel aus den 30ern zeigt.
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FRANKREICH
Die stolzen Franzosen hätten niemals eine US-Form übernommen. Tatsächlich haben sie den hübschesten aller Kapselheber. Irgendwie Stielauge und großes Maul. Ebenfalls ein Kombiwerkzeug mit Dosenöffner.
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Was mich zu meinen Überlegungen bewegt hat:
Multifunktionsmesser sind „Kulturfolger“, man kann an ihren Werkzeugen gesellschaftliche oder technologische Entwicklungen ablesen, auch zeitliche Rückschlüsse ziehen.

Manchmal hilft zur Einordnung auch das, was NICHT vorhanden ist. In böhmischen Katalogen bis in die 20er finde ich unter mehr als 1tsd Modellen keines mit Kapselheber! Und dieses UR-Sportmesser von Böker der 1920er hat zwar 8 Werkzeuge, aber der Kapselheber fehlt noch.
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Die europäischen Getränkemärkte waren noch nicht soweit.

Ich habe mich zwecks Recherche mit Sammlern von Kronkorken in Verbindung gesetzt. Selbst für die eine verwirrende Thematik. Eure Expertise ist gern gesehen und sicher hilfreich.

Abu
 
Klingt albern, aber zumindest in D hatte der Heber lange Zeit nichts zu heben. Doch der Reihe nach….

FRANKREICH
Die stolzen Franzosen hätten niemals eine US-Form übernommen. Tatsächlich haben sie den hübschesten aller Kapselheber. Irgendwie Stielauge und großes Maul. Ebenfalls ein Kombiwerkzeug mit Dosenöffner.
Ein toller Artikel - immer wieder erstaunlich, welche Erkenntnisse möglich sind, wenn man sich so in ein Messerthema vertieft wie Du. Super!

Inzwischen werden ja (aufgrund "genialer" Messerregelungen) vermehrt Tools ohne Klinge angeboten. Als Fan französischer Messer ist mir die Crowdfundingkampagne für das Hexagone Tool aufgefallen. Dessen Kapselheber weicht relativ deutlich von den Formen ab, welche bei den Fotos in Deinem Thread zu sehen sind.

Es ist auf jeden Fall ungewöhnlich und deutlich nach der Erfindung des Kronkorkens und seiner Verbreitung in Deutschland entstanden. Mal sehen ob es funktioniert (konnte nicht widerstehen mitzumachen ;-) Auf diesem Bild ist das Tool im Kronkorkeneinsatz zu sehen.
 
Zuletzt bearbeitet:
@Abu - Auf deinem ersten Bild oben handelt es sich imho um einen Dosenöffner und nicht um einen Kapselhebel.
Oder habe ich ezwas überlesen?

Dachte ich auch. Bis ich dieser Tage einen Katalogauszug von Böker USA sah, in dem dieses Teil überraschend als wirer cutter and cap lifter beschrieben wurde. Ich hoffe, dass der Kollege @Shoeger das hier noch zeigt.

Abu
 
Fantastique, mon cher Abu!

Wunderbar geschrieben und reich illustriert.

Regional bedingt kenne ich mich eher mit Weinkorken aus, sorry.

Mein Wort der Woche: "Kulturfolger" :super: :ROFLMAO:

Beste Grüße vom Kaiserstuhl

Virgil
 
Zuletzt bearbeitet:
Fantastique…
Wunderbar geschrieben und reich illustriert.
Regional bedingt kenne ich mich eher mit Weinkorken aus, sorry.

Mein Wort der Woche: "Kulturfolger" :super: :ROFLMAO:
Virgil

Danke dir - und gerne geschehen! Spricht nichts gegen eine Story über den „Kulturfolger“ Korkenzieher am Taschenmesser.
Ich habe da noch ein anderes Kulturteil am Messer in petto, demnächst mal.
Ingesamt finde ich es spannend, wie die Messermanufakturen Trends und technische Entwicklungen in ihre Produkte aufgenommen haben und das ja immer noch tun, s. Victorinox.

Abu
 
FRANKREICH
Die stolzen Franzosen hätten niemals eine US-Form übernommen. Tatsächlich haben sie den hübschesten aller Kapselheber.
Logisch, wenn es um Design und Geschmack geht sind wir Franzosen kaum zu schlagen :)
Als Fan französischer Messer ist mir die Crowdfundingkampagne für das Hexagone Tool aufgefallen.
Toll - als Französin bin ich begeistert, ein Werkzeug mit den Umrissen meines Heimatlandes zu sehen (y)
Gehört diese Info nicht auch in das Forum für die Liebhaber französischer Messer?
Ob es wohl auch ein Tool mit dem Umriss von Deutschland gibt?
 
Mit freundlicher Genehmigung vom Messerfreund @Shoeger ein Katalogauszug BOKER 1905/06.

Die beiden Champagner Messer mit den Öffnern und ihrer Beschreibung sind äußerst interessant. Es scheint fast so, als ob aus den wire cuttern der Kapselheber hervorgegangen ist.
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Abu
 
Mit freundlicher Genehmigung vom Messerfreund @Shoeger ein Katalogauszug BOKER 1905/06.

Die beiden Champagner Messer mit den Öffnern und ihrer Beschreibung sind äußerst interessant. Es scheint fast so, als ob aus den wire cuttern der Kapselheber hervorgegangen ist.
Anhang anzeigen 330370

Abu

That is a nice ad, but it is not from 1905/1906. It is from 1914 as shown in a catalog featuring Boker knives from “Greer & Laing”. No such models are shown in a factory Boker catalog from 1906 or later up through 1911. Boker did however offer a different cap lifter blade as early as 1908 which was patented on May 8th, 1909. A few other cap lifter blades followed from Boker.

Several cap lifter blades are offered on various folding knives from Henckels in a factory catalog dated to 1914. No such cap lifters are shown in a factory Henckels catalog from 1909. Picture enclosed from 1914.

Das ist eine schöne Anzeige, aber sie stammt nicht aus den Jahren 1905/1906. Sie stammt aus dem Jahr 1914, wie in einem Katalog mit Boker-Messern von „Greer & Laing” zu sehen ist. In einem Werkskatalog von Boker aus den Jahren 1906 bis 1911 sind keine solchen Modelle zu finden. Boker bot jedoch bereits 1908 eine andere Kapselheberklinge an, die am 8. Mai 1909 patentiert wurde. Es folgten einige weitere Kapselheberklingen von Boker.

In einem Werkskatalog von Henckels aus dem Jahr 1914 werden mehrere Flaschenöffnerklingen für verschiedene Klappmesser angeboten. In einem Werkskatalog von Henckels aus dem Jahr 1909 sind keine solchen Flaschenöffner abgebildet. Bild aus dem Jahr 1914 beigefügt.


Bottle Opener Boker G&L 1914 (2) (680x1000).jpg

Bottle Opener Boker 1909-1914 (2).jpg

Bottle Opener Henckels 1914 2 (2).jpg
 
Hello @Allen , thanks for your contribution and clarification. Expertise as always.

I guess the BOKER patent is US solely?

Interesting with that Henckels: at first glance it looks like a hunters knife even locked. But tools are more bar tenders. Do you know by chance if it was for export?

Abu
 
Interesting with that Henckels: at first glance it looks like a hunters knife even locked. But tools are more bar tenders. Do you know by chance if it was for export?
Ich befürchte, Abu, dass hier Verwechslungen und/oder Missverständnisse vorliegen:
Nach meiner laienhaften Einschätzung ist nur die Abbildung Artikel-Nr. 5464 Hh. aus einem J.A. Henckels ZWILLING Katalog.
Und das dürfte mit seinem Dosenöffner durchaus eher für einen Jäger ausgestattet sein als für einen Barkeeper oder Kellner.
Warum sollte dieses Messermodell für die Ausfuhr und nicht für den Verkauf an deutsche Fach-Einzelhändler bestimmt gewesen sein?
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo @cut , die Frage „was ist ein Jagdmesser“ beschäftigt mich grundsätzlich ebenfalls und ich werde das Thema auch noch angehen.
Beim obigen Henckels sehe ich EINE Klinge, die auch jagdlich genutzt werden kann, aber VIER Funktionen, die mit Jagd im näheren Sinn nichts zutun haben. Champagnerhaken, Korkenzieher, Dosenöffner und Kapselheber sind aber Werkzeuge rund um Getränke und Bar. Gilt auch für Dosenware, die einst sehr populär war. Champagnerhaken hat auch eine Nähe als Patronenzieher, oft war darin dann aber ein zusätzliches Loch für die Stiftfeuerpatronen.

Auf Export komme ich, weil es nach bisherigen Recherchen in Deutschland 1914 (Katalog Henckels) noch keine Kronkorken und damit keinen Markt für den Heber gab.

Herantastend, bisschen spekulativ, aber so nähern wir uns ggf. der Historie dieser Teile.

Abu
 
Herantastend, bisschen spekulativ, aber so nähern wir uns ggf. der Historie dieser Teile.

Dank Messerfreund @Shoeger ein weiteres Bild.
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Zur Beachtung: BOKER 1916 / Club knife und #14 von @Allen Greer &Laing Champagnerpattern 1914

Es zeigt sehr schön, wie sich für ein gleiches Werkzeug die Bezeichnungen ändern bzw. präzisieren.
War es 1914 bei G&L noch wire Cutter and cap lifter, so wurde 1916 daraus nur noch der bottle opener.

Abu
 
Hallo @cut , die Frage „was ist ein Jagdmesser“ beschäftigt mich grundsätzlich ebenfalls und ich werde das Thema auch noch angehen.
Beim obigen Henckels sehe ich EINE Klinge, die auch jagdlich genutzt werden kann, aber VIER Funktionen, die mit Jagd im näheren Sinn nichts zutun haben. Champagnerhaken, Korkenzieher, Dosenöffner und Kapselheber sind aber Werkzeuge rund um Getränke und Bar. Gilt auch für Dosenware, die einst sehr populär war. Champagnerhaken hat auch eine Nähe als Patronenzieher, oft war darin dann aber ein zusätzliches Loch für die Stiftfeuerpatronen.

Auf Export komme ich, weil es nach bisherigen Recherchen in Deutschland 1914 (Katalog Henckels) noch keine Kronkorken und damit keinen Markt für den Heber gab.

Herantastend, bisschen spekulativ, aber so nähern wir uns ggf. der Historie dieser Teile.

Abu
Mich überzeugt da (ohne Spekulation) eher die VOLLSTÄNDIGE und eindeutige Beschreibung in einem deutschen und internationalem J:A. Henckels Musterbuch mit der Überschrift "Jagdmesser , Hunting knives, Couteaux de chasse, ---" und MEHREREN Taschenmessern mit einem Kapselheber:


JAH_Kapselheber.jpeg
 
An Katalogbezeichnungen zweifel ich ja nicht, das Kind muss ja Namen haben. Was sollte Henckels oder andere anders titulieren? Zum 100. Mal „Taschenmesser“? Oder „Taschenmesser mit Klinge, Dosenöffner, Kapselheber, Schraubendreher und Abisolierer“, wie in einem Fall des Bildes. Was sind daran genau Jagdmesser? „Jagdlicher“ Touch ok… Ist aber ein anderes Thema.

Abu
 
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