Her mit den kleinen Franzosen- vive la France

Das Perceval T45 wohnt auf meinem Schreibtisch und verrichtet seine Dienste meist als Brieföffner, so denn das heute noch erforderlich ist.

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Ich mache keinen Hehl daraus, daß ich mit den allermeisten aktuellen französischen Messern überhaupt nichts anfangen kann, und mit Laguiole schon mal grad garnix (nix für ungut, liebe franko- und laguiophile); deswegen habe ich eine ganze Weile mit mir gerungen: "kleine Franzosen" oder "klassische Taschenmesser" ...? Da es aber um Ausgewogenheit und gegen festsitzende Vorurteile (*hüstel*) gehen sollte, habe ich mich für die kleinen Franzosen entschieden. Ich mein', ab und zu sind schon echt schöne Stücke hier zu sehen ... ;) Und unter den älteren und alten Franzosen gibt es viele unglaublich tolle Messer.

Manchmal gibt es so Momente, wo einen ein Messer innerlich nicht mehr losläßt- vielleicht geht's nur mir so, aber das habe ich schon ein paar mal gehabt; seltener, als man meinen sollte! Dieses hier war so eines. Gesehen - verliebt. Trotzdem bin ich relativ lange drumherumgeschlichen, konnte es aber nicht vergessen: Immer wieder angesehen; vielleicht findet sich ja etwas, damit's nicht gekauft werden muß! Haa, die Spitze der großen Klinge ist NICHT spitz! - Egal. ... Ääääh ... Haaaaa, die eine Griffschale steht am Kapselheber etwas ab! ... EGAL!! .... Äääääähhhhh ....ich find' nix mehr.

Sogar das Argument "Aber der Preis ...!" zog nicht, war echt preis-wert (OK: es war objektiv sogar günstig).

Mist.

Eine Drittmeinung hat dann denn [gesuchten :cool::] letzten Anstoß geliefert - danke @Abu ...

Neutral betrachtet, ist's ein ganz normaler Sechser. Aber in WAS für einer schönen Ausprägung! Allein dieses helle, sandfarbene und makellose Bunthorn ist eine Pracht, und in Kombination mit den schön ausgeformten Neusilberbacken an allen Enden einfach ein Augenschmeichler par excellence. Plus, daß es in top Zustand ist ...

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Marke: "JAILLER" ... wenn ich das richtig rausgefunden habe, ist das Alain Jailler, ein Messermacher aus der Thiers-Ecke (und ja, er hat auch Laguiole-Messer gebaut. Alles gut.).

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Viel habe ich zu dem Monsieur aber nicht gefunden - außer, daß er wohl schon seit ca. 10 Jahren oder so nicht mehr arbeitet. Aus einem anderen Forum:

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Chabreloche ist imArrondissement Thiers. Und wenn man noch ein wenig weiter sucht, findet man evtl. auch das hier:

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Ich finde, daß das Ebenholz-Griffschalenmesser doch eine gewisse Ähnlichkeit hat ... aber wie gesagt, die Suche hat nicht so viel hergegeben, und auf das posten eines Portraits verzichte ich hier. Auf jeden Fall ist das Messer mit Sorgfalt und Können hergestellt worden, von einem "kleinen Messermacher" in einer traditionellen Gegend. Falls jemand mehr zu Alain Jaller beisteuern kann ...?

Zurück zu dem Messer: Die Verarbeitung ist prima, und mit viel Liebe zum Detail vorgenommen worden. Das Messer ist sehr schön kompakt gebaut, die Messingliner haben alle einen gerändelten Rand ("Münzrand"), und alle Werkzeuge lassen sich mit normalem Aufwand öffnen. Das Alter ... schwer zu sagen, ich würde mal die (späten?) 1970er in den Raum stellen ...? Kann aber auch jünger sein.

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Neben jedem Werkzeug (außer der großen Klinge natürlich, die hat einen Nagelhau) gibt es eine Einkerbung in der Griffschale, zwecks besserer Einhebelung des (i.d.R.) Daumennagels

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... alles sehr nett und schön gearbeitet.

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Auch die Fangriemenöse aus Neusilber ist ein Sahnestück; kurz und knapp gearbeitet, Kanten sauber gebrochen, und problemlos um das gesamte Ende um 180° verschiebbar. Hat man keinen Fangriemen dran, stört das Teil überhaupt nicht. Ein Träumchen.

OK - hier sieht man das zweite Manko: Ich vermute, daß die eine (hier rechts, die untere) Backe mal irgendwie Druck bekommen hat, auch der Liner ist etwas gebogen. Vielleicht ist jemand (schweres) draufgetreten oder so; ich hatte mal ein ähnliches Bild (nur noch etwas heftiger), als ein Auto über ein Messer gefahren ist. An der Stelle steht die Griffschale ab; ich bin mir nicht sicher, ob das gerichtet werden kann (oder überhaupt soll) .... aber ansonsten sind die Griffschalen herrlich paßgenau geformt und eingebaut, in der Mitte sind sie leicht dicker, an den Enden leicht dünner: Wunderbar - wie gesagt, viel Liebe zum Detail.

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Die Backen - ich sagte es oben schon - sind mit je drei Streifen sehr schön strukturiert und prima ausgearbeitet; sie folgen der leichten Rundung des Bunthorns. Alles Handwerkskunst und Sorgfalt vom Feinsten, macht richtig Spaß, immer noch etwas zu entdecken.

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Von daher: Vive Alain Jailler!
 
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