Äpfel mit Birnen vergleichen

Sehr schöne Aktion, finde ich super und verfolge alles weitere mit Spannung.
Eine Frage noch an günef: Den Fotos nach hast du das Messer auf einer „ unsachgemäßen“ Schneidunterlage, sprich einem Teller verwendet.
Bei meinen Messern verformt sich die Schneide dann immer. Ist ja auch logisch eigentlich, wenn man eine schneidfreudige Geometrie/einen eher flacheren Schneidekantenwinkel voraussetzt.
Nun kommt die Frage: Hält der Stahl das aus oder mache ich bezogen auf Stahlwahl/Anschliff was falsch?

Hintergrund dazu: Ich kann meiner Messer noch nicht einmal zum Brötchen aufschneiden meiner besseren Hälfte anvertrauen, da sie IMMER den ruckartigen Kontakt zu harten Schneidunterlagen sucht. Beim Paket offen landet die Klinge auch mal auf der Bodenfliese oder im Garagenbetonboden. Nun habe ich an sinnvollen Orten Cutter-Messer deponiert, damit ich nicht immer Stress leiden muss;).
Wenn ich ihr ab und zu aber mal eines meiner Messer geben könnte, wäre das schön.
Solltest du unwahrscheinlicherweise antworten, dass diese Schneide das hält und/oder sich danach leicht wieder in Form bringen ließe, müsste ich dem Thread-Eröffner mal nen Auftrag erteilen…
 
Servus,

wenn ich auf Tellern schneide, dann immer mit hochgestellter Klinge, so das nur wenige Millimeter Schneide vor der Spitze den Teller berühren. Ich ziehe die Spitze durch das Schnittgut, wenn eine Schneide richtig scharf ist, geht das bei Eiern und Schinken locker durch. Eine größere Jause immer am Holzbrett.

Gruß, güNef
 
Moin brucelee7,

worin besteht denn deine aktuelle Stahlwahl?

Vielleicht wäre die Lösung eine Scheepfoot-Klinge? Die Form erzieht automatisch dazu so zu schneiden wie güNef es beschrieben hat. Gleichzeitig ist die Spitze aufgrund ihrer Form relativ robust.

vG
Incus
 
Ja moin Incus,

ich wollte hier keine „off-topic“-Diskussion vom Zaun brechen und dadurch den Focus von deinem tollen Testlauf ablenken. Nochmal mein Kompliment an dieser Stelle.
Hintergrund meiner Frage: Mich hatte interessiert ob meine meist pulvermetallurgisch gefertigten Stähle an Taschenmessern mit zumeist kräftiger gestalteter Klingengeometrie im puncto „durchtrenne Schnittgut auf Teller“ den hier vorgestellten Materialien unterlegen sind.

Zur Einordnung meines Kenntnisstandes: Beschäftige mich seit 20 Jahren mit Messern. Lese viel hier im Forum. Roman Landes ist ebenfalls bekannt.
Angefangen mit Böker 440C, dann Spyderco oder CRK S30V, an Customs auch mal RWL, Elmax, etc. Dann auch mal was rostendes probiert, gefällt mir wegen „Patina“ und Geschmack nicht. Gibt da aber ja auch viele Unterschiede. Momentan nenne ich M390 oder Cruwear als präferierte Stähle.
Erst seit Kurzem bin ich mit Thomas Hauschild und bald Rafael Gürtler in den Bereich der feststehenden Messer und der Stähle mit deutscher Norm-Bezeichnung eingetaucht.

Ich verfolge diesen Thread mit Freude und Genuss weiter und bin gespannt auf die Berichte der nächsten Tester sowie schlussendlich die Auflösung.

Und ja, so eine Sheepie-Form mag in der Tat ein Teil der Lösung sein. Danke für die Anregung.
 
Off topic würde ich das nicht nennen. Immerhin geht es ja um den direkten Vergleich verschiedener Stähle. Ich steige jetzt mal noch nicht in die voll in die Diskussion ein, da zwei Tester noch testen müssen. Nach der Auflösung können wir da aber gerne drauf zurück kommen.

Es freut mich, dass dir der Thread gefällt.

vG
 
Erstmal ganz vielen lieben Dank an Incus für die Organisation dieses tollen und spannenden Passarounds. Das ultimative Sahnehäubchen ist natürlich, dass beide (!) Messer danach verlost werden. Das ist eine echt krasse Ansage! 👍🏻👍🏻

Eigentlich wurden in diesem Passaround zwei Fragen gestellt:
  1. wie schlagen sich die beiden Stähle von Apfel und Birne bei nahezu identischer Geometrie bei den verschiedenen Anwendungen im direkten Vergleich?
  2. Wie gut schlagen sich generell extrem dünn ausgeschliffene Messer und was halten sie aus?
Ohne vorzugreifen kann ich sagen, dass für mich beide Fragen zufriedenstellend beantwortet wurden.

Die beiden sind ja von meinem Vortestern schon ausführlich beschrieben worden und auch mit sehr gutem Bildmaterial dargestellt, so dass sich die Messer nicht erneut vorstellen möchte, um nicht zu langweilen.
Allerdings möchte ich noch mal auf die extrem auf Schneidfreudigkeit hin ausgeschliffenen Klingen hinweisen. Ich habe die beiden wieder mit der Bügelschraube vermessen und erhalte Resultate von circa 0,22 mm bis 0,26 mm hinter der Wate, im Spitzenbereich steigen die Werte bis auf etwa 0,34 mm an. Die Schneidkanten sind gegen einen Messingstab gedrückt, durchgehend ganz leicht nagelgängig (ich habe versucht, das zu fotografieren, es ist mir aber leider nicht zufrieden stellend gelungen,). Das findet man einem bei einem Allroundmesser aus der Produktion so gut wie nie – ich habe so etwas jedenfalls noch nicht gesehen.
Als die Messer bei mir ankamen, hatte Apfel bereits eine ganz minimale Deformation im Schneidenbereich:

Es war also klar: diese Messer sind nicht unzerstörbar, sondern wirklich Schneidwerkzeuge. So war es von Incus auch ganz klar kommuniziert worden.
Sie kamen leidlich scharf bei mir an; daher stellte sich als erstes die Frage, wie sie am besten zu schärfen seien. Da swifty58 mit einem Nowi-System eine 20°-Fase angebracht hatte, dachte ich mir, dass ich bei so einer schmalen Fase erst einmal ganz simpel den Spyderco SharpMaker versuche (20°-Einstellung).
Hier zeigte sich bereits der allererste Unterschied: die Birne nahm nach wenigen Zügen auf den weißen Stäben eine wirklich furchteinflößende Schärfe an - weiter oben wurde vom „wow-Effekt“ geschrieben. Beim Apfel dauerte es etwas länger, bis immer noch eine sehr gute Schärfe erreicht wurde, aber eben ohne „wow-Effekt“.
Tatsächlich bin ich für die gesamte Testdauer bei dieser vergleichsweise primitiven Schärfmethode geblieben, da sie an diesem Messern extrem gute Resultate zeigte und ich auf diese Weise die beiden sehr leicht auf eine reproduzierbare Schärfe bringen konnte. Die Messer wurden vor jedem der folgenden Tests auf diese Weise neu geschärft.

Als erstes stand die Lebensmittelzubereitung auf dem Plan: verschiedenste Lebensmittel wurden mit den Messern - überwiegend auf dem Brett - geschnitten:



Dabei lässt sich zu allererst festhalten, dass beide Messer wie die Lichtschwerter durch das Schnittgut glitten. Ich besitze sogar (alte) Küchenmesser, die das schlechter machen. Für Outdoormesser phänomenal!
Aber auch hier war ein leichter Unterschied festzustellen: der Apfel glitt generell leichter durch das Schnittgut, während bei der Birne der „food release“ deutlich schlechter war. Das Geschnittene pappte eher an der Oberfläche fest und behinderte folgende Schnitte. Generell konnten beide aber alle Arten von Lebensmitteln wunderbar bearbeiten.

Dann wurden die beiden zum Schnitzen ausgeführt: eine Bemerkung sei mir hier zu den hervorragend gemachten Lederscheiden erlaubt. Ich persönlich finde, dass eine Scheide (egal aus welchem Material) nur so viel größer als das zugehörige Messer sein sollte wie unbedingt notwendig. (Also nicht wie die Schneeschuhe von Bark River…). Dies wurde hier auf handwerklich sehr hohem Niveau wunderbar umgesetzt. Sie passten sogar perfekt in die Halterungen des Fahrradanhänger/Kinderwagens:

Am repräsentativen merkte man die Unterschiede beim Schnitzen bei etwas härteren Hölzern, hier zum Beispiel relativ trockene Haselnuss:


Mit beiden konnte man Schnitzen wie ein Weltmeister, aber irgendwie hatte der Apfel bei mir immer leicht die Nase vorn; die Klinge geht immer den minimalen Tucken leichter durchs Holz als die Birne. Wobei man generell sagen muss, dass das Schnitzen mit den beiden die helle Freude war: sie gingen durchs Holz wie ein auf Null geschliffener Scandi, ohne dessen Spaltwirkung zu haben.

Dann wollte ich etwas forderndere Schnitzereien testen: an einem dickeren trockenen Haselstecken sollte mit möglichst viel Kraft und möglichst wenig Schnitten eine Spitze erzeugt werden. Also von so:

nach so:

Beide Messer bewältigten dies mit jeweils fünf Schnitten. Trotz wirklich starker Krafteinwirkung, die sicherlich nicht immer exakt in einer Linie mit der Klinge verlief, traten keinerlei Ausbrüche, Deformation oder andere Beschädigungen auf. Hier also kein messbarer Unterschied.

Schnitzen: der Endgegner…

Seit Jahren habe ich einen Rest Holz liegen, aus dem einmal alte Gartenstühle gefertigt waren. Keine Ahnung, was das ist. Eigentlich ein recht weiches Holz, hat aber vermutlich Silikateinlagerungen oder ähnliches und ist damit der Tod jeder Schneide.
Die Birne hatte nach wenigen Schnitten in diesem Holz Mikroausbrüche, die mit dem Fingernagel deutlich fühlbar waren. Beim Apfel dauerte dies etwas länger. Bei beiden waren dies aber nach wenigen Zügen über die weißen Stäbe des Sharpmakers wieder entfernt.

Dann habe ich angefangen, etwas Karton zu zerkleinern. Heidewitzka, das war ein Spaß! Die beiden flogen nur so durch die Pappe, dass es eine reine Freude war. Aber ich hatte nach einem Weilchen das Gefühl, dass die Birne schneller abstumpfte und nicht mehr ganz so glitt.

Bis zu diesem Punkt war meine Präferenz für den Apfel also eher eine etwas gefühlte. Ich wollte versuchen, dass auf eine zumindest pseudowissenschaftliche Basis zu stellen.
Gleich vorweg: die gewählte Testmethode erhebt nicht den Anspruch wissenschaftlicher Reproduzierbarkeit oder Exaktheit. Aber vielleicht kann sie als Anhaltspunkt dienen.

Vorgegangen bin ich wie folgt: von normalem Verpackungskarton wurden circa 10 cm breite Streifen geschnitten.

Diese Streifen wurden mit den Testmessern jeweils längst der „Faser“ in schmale Stückchen zerschnitten, wobei ich versucht habe, immer denselben Klingenabschnitt einzusetzen (so gut das halt ging).

In unregelmäßigen Abständen wurde überprüft, ob das Messer noch gut durch Papier (80 g Druckerpapier) gleitet. Funktionierte dies nicht mehr, war der Test für das Messer beendet. Das Messer war dann natürlich nicht stumpf, aber zeigte in Papier eben ein leichtes Rupfen. Auch dies ist natürlich kein wirklich objektivierbares Endkriterium, aber gibt eine Art Anhaltspunkt.


Sei es, wie es will, die Resultate waren wie folgt:

Apfel 🍏 450 Schnitte


Birne 🍐 142 Schnitte

Ohne die Aussagekraft der Testmethode überzustrapazieren, würde ich also sagen, dass beim Apfel eine deutlich höhere Schnitthaltigkeit bezüglich abrasiven Schnittgutes wie Karton zu beobachten ist.

Ein Testfeld stand noch aus: das der jagdlichen Eignung. Jedoch sollte im neuen Jahr bei uns im Revier noch einmal eine Drückjagd stattfinden, wo ich auf die beiden zum Einsatz bringen zu können hoffte.
Bei der Jagd kamen dann mehrere Stück Rehwild zur Strecke, aber leider keine Sauen (Wildschweine). Das war aus mehreren Gründen schade: erstens schmecken sie ausgezeichnet, zweitens ist das Aufbrechen von Sauen die jagdlich höchste Herausforderung für Messer. Aber was willste machen, die Schwarzkittel waren halt nicht zu Hause…

Mit den beiden Messern wurden dann immer abwechselnd zwei Stück Rehwild aufgebrochen: ein Schmalreh (einjähriges weibliches Stück) und eine Geltgeiß (altes weibliches Stück „in der Menopause“). Leider kann ich hiervon keine Bilder zeigen, da ich erst an das Smartphone gedacht hatte, als wir alle schon schweißige (d.h. blutige) Hände hatten und ich nicht mehr in die Tasche greifen konnte beziehungsweise wollte (von wegen Sauerei).

Dabei wurden die Messer zu allen Arbeiten beim Aufbrechen eingesetzt - mit Ausnahme des Öffnen des Schlosses (will unser Pächter so und ihr wisst ja: „ Wes Brot ich ess, des Lied ich sing…“ ). Das wird mit einer kleinen Säge beziehungsweise einem Knipser erledigt. Alle Arbeiten ließen sich völlig problemlos verrichten, beziehungsweise die Messer „performten“ dabei in einer für Jagdmesser völlig unbekannten Weise.
Auch das Öffnen des Brustkorbs und das Schneiden durch die Rippen ging ohne jegliche Beschädigung von statten.

Bei der alten Geiß musste ein Teil der Rippen entfernt werden, da sie nicht perfekt getroffen worden war. Die Rippen waren aufgrund des Alters des Stückes schon relativ stark verknöchert; aber die beiden Klingen gelitten in beeindruckender Weise durch sie hindurch, wie ein robuster ausgeschliffenes Messer dies einfach nicht leisten kann.
Auch hier hatte der Apfel leicht die Nase vorn, was mir durch einen Jagdkameraden bestätigt wurde, ohne dass ich ihn vorher über meine Präferenzen informiert hatte. Also immerhin zwei rein subjektive Eindrücke😆

Beschädigungen an der Schneide konnten nach der Aktion bei keinem der beiden Messer festgestellt werden.

Würde ich jedem meiner Jagdkameraden eins der Messer einfach so in die Hand drücken? Nein, wohl eher nicht. Das sind definitiv Messer für jemanden, der schneiden möchte und auch ein bisschen weiß, was er tut. Wenn man als Grobmotoriker damit herumrandalierte, könnte ich mir schon vorstellen, dass die Leistungreserven der beiden, insbesondere was Querbelastungen angeht, überschritten werden könnten (sprich Knacks).

Setzt man eine solche Geometrie aber mit Bedacht ein, dann würde ich auch im jagdlichen Kontext sagen: es gibt kaum Besseres. Als Reviermesser würde ich es aber auch nicht ausschließlich einsetzen wollen. Gerade so etwas wie das so genannte “Bestechen“ von Leitersprossen (d.h. man rammt die Klinge möglichst tief in das Holz einer Leitersprosse, um zu testen, ob und wenn ja, wie tief sie morsch ist - mache ich bei uns aus verschiedentlichen Gründen recht oft) könnte so eine Klinge schnell abbrechen.


Fazit: Was kann ich sagen? Die beiden Früchtchen sind ein Traum. Es gibt eigentlich nichts zu meckern, die Griffe liegen super in meiner 8,5er Hand und sind aus tollen Hölzern (das Stück Birne finde ich noch schöner als den Apfel), die Lederscheiden sind super geplant und qualitativ hochwertig angefertigt. Wer unbedingt was finden will: die Scheide der Birne ist ungleichmäßig eingefärbt. Na gut.
Ich jedenfalls hatte noch nie so konsequent dünngeschliffene Outdoormesser in der Hand und war von der Schneidperformance absolut begeistert.

Unter den gegebenen Rahmenbedingungen (d.h. Geometrie und Wärmebehandlung) halte ich den Apfelstahl für mein Anwendungsprofil für den besseren, wobei die Birne ebenfalls der Hammer ist.
Die Schnitthaltigkeit ist höher und auch die Schnittfreude besser (subjektiv, siehe oben).

Was man aber wieder mal sieht (wie schon Roman Landes im 19. Jhdt. schrieb): Geometrie kommt vor Wärmebehandlung kommt vor Stahlsorte (sinngemäß…).

Nochmals vielen lieben Dank an Incus für den tollen Passaround. Sollte eines der beiden den Weg zu mir finden, würde ich mich freuen wie ein Kullerkeks!

In diesen Sinne mit WMH,
Owain
 
Last edited:
Super Tests und super Dokumentation der Ergebnisse! (y)
Das gesamte Einsatzspektrum einmal abgedeckt. Die meiste Aussagekraft hat sicher der Karton-Test, aber besonders spannend fand ich die beschriebene Performance beim Eröffnen des Reh-Brustkorbs. Das ist etwas, wo ich mir im Vorfeld unsicher war, ob die Geometrie dafür noch geeignet ist.

vG
Incus


ps:
Der Kinderwagen mir den zwei Messern dran sieht schon klasse aus. :LOL:
 
Super spannender, kurzweiliger Bericht, danke dafür. Teste direkt mal meinen Croozer und führe ihn über den belebten Wochenmarkt 😜. Da käme ich wohl keine 5 Meter weit. Hat aber Stil, keine Frage.
Den Roman Landes sortieren wir ins 20 Jhdt., da freut der sich. Rest ist einwandfrei.
Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.
 
Damn, Owain war schneller als ich 🙈 - und dann noch klasse Tests :super:

Aber ich musste heute mal aus der Nebelsuppe raus auf die Berge ...

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Working on my report diligently!

Greetz

Virgil
 
Vielen Dank für all die positiven Rückmeldungen!
@brucelee7: Das Roman Landes ein Zeitgenosse ist, weiß ich (mein Exemplar von „Messerklingen und Stahl“ ist von 2006). Ich wollte nur mit sanfter Ironie auf den seit „Urväterzeit“ bekannten Vorrang der Geometrie vor dem Stahl hinweisen.😉
 
Last edited:
@Owain Ein grandioser Bericht. Hat mir viel Spass gemacht beim Lesen. Es ist nicht einfach einen Testbericht als vierter Tester zu schreiben. Die Idee mit den Kartonstreifen werde ich schamlos kopieren.
Gruss
Ulli
 
Gerade ist mir noch ein ganz anderer Aspekt an den Messern eingefallen:
Wenn man sich das „Parierstück“ genau anschaut, sieht man, dass es wie ein U gefertigt und auf die Klinge aufgeschoben ist. Leider habe ich davon kein Bild gemacht, aber auf dem ersten Bild von swifty58 kann man es ganz gut erkennen. Es ist also kein durchbohrter Messingblock. Ich glaube, es ist auch gar kein Messing; Bronze? Tombak?
@Incus: gab es konstruktive Gründe für diese Bauweise oder hängt das mit der Ästhetik zusammen? Ich finde es auf jeden Fall sehr gelungen, habe diese Bauform aber sonst noch nie gesehen.
 
Hier kommt er nun endlich, endlich...: mein Bericht zu „Williams vs. Calvados“ – zwei hochprozentige Messer im Vergleich!

Auch wenn der von Incus durch seine Griffmaterialwahl indizierte „Äpfel-mit-Birnen-Vergleich“ sprachlich natürlich auch seinen Reiz hat.


Wie beim letzten PA von Taperedtang unter dem Motto „Achtsamkeitsblindtest - Wer spürt das Sekundärhoch?", geht es auch hier wieder darum, eins zu werden mit zwei Messern gleicher Bauweise, aber mit unterschiedlichen Stählen, um zu erfühlen, welche verschiedenen Eisen-Kohlenstoff-Gedöns-Verbindungen wohl verwendet wurden.

Ich geb’s gleich schon an dieser Stelle zu, um keine falsche Erwartungshaltung aufzubauen: trotz weitreichender Sensibilisierungsmassnahmen wie „Aufrauhen der Handflächen mit 80er Schleifpapier“ und dem Lesen ausgewählter Bücher in der Testphase (ja, auch das Standardwerk „Gefühlsechte Ergonomie im dreidimensionalen Raum“), konnte ich keine signifikanten Unterschiede feststellen – bis auf einen kurzen Moment. Dazu später mehr.

Aber bevor es richtig los geht, natürlich zuerst meinen herzlichen Dank an Incus für die Her- und Bereitstellung der Messer sowie die Organisation des PA und natürlich die sehr großzügige Geste, beide Messer im Anschluß unter den Teilnehmern zu verlosen.

Hier die beiden Gegner, die auch auf gegnerischem Terrain eine gute Figur machen.

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Basis-Check

Feststehende Messer sind ja mal grundsätzlich doof für Schrauber wie mich – OK, es gibt auch Ausnahmen, wie ich letztens gerade mal wieder bei einem alten Fahrtenmesser feststellen durfte. Aber ich habe natürlich auch ein paar dieser Unbeugsamen, die allerdings ähnlichen Anforderungen genügen müssen wie meine Falter: leicht, praktisch, designisch ansprechend, technologisch interessant.

Diese beiden Früchtchen decken auf jeden Fall schonmal die ersten drei Kategorien ab – sehr gut gemacht Incus! :super:

Dazu noch schöne einheimische Griffhölzer, gutes Griffdesign, tolle „Backenzwinge“ aus Bronze (?), die ich in dieser Bauform (unten „offen“) auch noch nicht in der Hand hatte. Eigenerfindung? Aus der Not geboren? Gut kopiert?

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Die Klingenform ist praktisch und universell, schön dünn ausgeschliffen, gut integrierte Schleifkerbe und beide Messer sehr ähnlich in ihrer Geometrie. Wegen gefühlter Unterschiede (s. u.), musste ich das doch mal nachmessen.

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Optisch fühle ich mich eher zu Willi hingezogen, wegen der für mich hübscheren Zwischenscheibenlösung, dem interessanter gemaserten Griffholz und der bunteren Klingen-Patina.

Sehr gut zu greifen, keine Druckstellen bei längerer Nutzung, gut zu führen, Dank des geringen Gewichts auch keine Ermüdungserscheinung bei stundenlangem Über-Kopf-Schneiden von Salatgurken (nehme ich an).

Das Gesamtdesign inklusiv der Klingengeometrie geht schon stark in die Richtung meines „chose one fort the island“-Messers, da es alle für mich relevanten Eigenschaften eines vielseitigen Gebrauchsmessers abdeckt sind.


Schneid-Check

Getestet wurde in den drei klassischen Disziplinen der Hobby-Tester: Food, Wood and Boxes.

Zur Komplettierung dieses Quasi-Vierländer-Passaround und unter Berücksichtigung seiner regionalen Ausprägung habe ich naturellement, wo möglich, nur französisches Testmaterial verwendet.

Der ganze PA ist in der Tat sehr international und deckt dazu noch alle vier Himmelsrichtungen ab: Ost-Österreich, Nord-Schweiz, Südwest-Deutschland (also eigentlich Frankreich) und Mitteldeutschland. Ein Spiel ohne Grenzen sozusagen, wenn auch gewisse Transportwege recht unorthodox gelöst wurden.

Auslöser für diesen Versuch war eine wiederkehrende Diskussion mit einem Jäger und Messerliebhaber darüber, welches die wichtigsten Eigenschaften eines Stahls für ein Jagdmesser sind.

Eine Antwort auf die Ausgangsfrage von Incus kann ich leider auch nicht liefern, mangels Zugangs zum und Erfahrung im Jagd-Business (Weinbergschneckensammeln zählt ja wohl nicht).


Küchendienst

Diverse Einsätze in der Küche bestätigten die guten Allrounder-Eigenschaften der Messer: Kräuter, Käse, Speck und Walnüsse – alles kein Problem.

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OK, das letzte Bild war nur um zu prüfen, wie gut eure Verknüpfung der rechten und linken Gehirnhälfte ist, also ob die Bild-, Text- und Schwachsinn-Korrelation funktioniert.

Klassisches Problem solcher Messerdesigns in der Küche: zu wenig Fingerfreiheit unter dem Griff und die Einschränkung durch den Fingerschutz – aber da hilft ein Holzbrettchen mit ausreichend Dicke.

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Als hartnäckiger Gegner erwies sich der französische Ziegenkäse – trotz mehrfachen lauten „food release!“ Rufens, klebte der einfach weiter an der Klinge. Ich muss da wohl mal einen Kurs bei @Besserbissen belegen ...

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Beim Schneiden der Speckschwarte ohne gastronomische Notwendigkeit, also nur zum Testen, hatte ich allerdings den Eindruck, als ob ich mit der Birne besser durchkomme ... Vielleicht das Sensibilitätshoch des Nachmittags, Stahl mit Fettaffinität ...??? Das brachte mich übrigens dazu, die Geometrie der Klinge nochmal genauer zu vermessen, jedoch ohne weitere Erkenntnisse, da die Unterschiede sehr gering waren.

Klar sind richtige Küchenmesser bei den meisten Aktionen durch die Griffgestaltung und Klingengeometrie bei der Zubereitung von Nahrungsmitteln überlegen, aber als schneidfreudiger Küchenhelfer im Urlaub kommt man mit Birne und Apfel schon sehr weit.


Und bei der nächsten Kategorie möchte ich lieber nicht mit einem Küchenmesser herumfuchteln: Stöckchen schnitzen. Aber nicht irgendein Stöckchen, sondern ca. 5 Jahre abgelagerter, französischer Buchs vom magischen Berg Bugarach.

@Abu weiß, wo von ich rede, er hat das letztens bis zum Exzess getrieben.

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Willi und Calvi schlugen sich auch hier tapfer – grobe und feine Schnitzer waren kein Problem, Dank exzellenter Handlage und feiner Schneide. Aber auch bei diesem Vergleich: keiner hat die Nase vorne. Die Schärfe litt kaum merklich bei dieser Arbeit, keine Ausbrüche zu spüren – die von Ulli angelegten 20,1 ° halfen sicher dabei.


Compétition carton

Eins ergibt das andere: durch Reduzierung der Familiendichte an Weihnachten dauerte die Party halt nicht nur drei Tage, sondern zwei Wochen. Mehr Leute über längere Zeit im Haus bedeutet mehr Kartons. Familienmitglieder aus dem Département Aude bedeutet viele Verpackungen alkoholischer Getränke aus dieser Ecke Frankreichs.

Also munter durch die ehemaligen Behausungen von Blanquette aus Limoux, Apéritif aus Maury, Rouge aus Staint-Paul-de-Fenouillet etc.

Warmliegen der beiden Kontrahenten in der Kampfarena
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Kartonöses Blutbad
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Resultat.: ich konnte meine eigenen Messer schonen und mit Freuden die beiden Testkandidaten durch die Kartonagen ziehen, ohne Schwächen oder besondere Stärken zu erkennen. Man merkte ein leichtes Nachlassen der Schärfe im hinteren Bereich der Klinge, mit dem hauptsächlich gearbeitet wurde. Kurz über den Sinterblock, dann war das wieder gerichtet.


Bei meinen rein subjektiven Tests zeigen sich beide Klingen robust und halten die Schärfe sehr gut. Ich muss zugeben, kein Killer-Tester zu sein - dazu respektiere ich Material, Werkzeug und den Aufwand durch den Macher zu sehr.

Aussagekräftiger, weil besser vergleichbar, sind natürlich die Ergebnisse des Kartonstreifentests von Owain, den wir sicher hier im Forum noch öfter sehen werden (also beide: Owain und den Test). Auch wenn mich sein Ergebnis doch überrascht: so unterschiedlich habe ich die Messer nicht empfunden.

Der final touch vor dem Verschicken kam vom platten Sinter mit 20,1 ° (ja, freihändig), hat aber Owain scheinbar nicht ganz gereicht – ich gebe zu, es war etwas knapp mit dem Päckchen und ich wollte, daß es noch vor Weihnachten ankommt (hat ja auch geklappt, Dank dem rot-gelben Santa).

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Mein persönliches Résumé:
  • Ich durfte zwei sehr schöne und praktische Messer testen und sie an und über (nationale) Grenzen führen – alle Jobs wurden ohne Mucken erledigt
  • Unsensibel wie ich bin, konnte ich kaum einen signifikativen Unterschied zwischen beiden Messern bzgl. der Schneideigenschaften feststellen
  • Ich bevorzuge nach der Dégustation den Williams

Santé

Virgil
 
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