Verschiedene Stähle im praktischen Einsatz – Passaround

Taperedtang

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Hallo zusammen,

ich habe 4 Testmesser aus unterschiedlichen Stählen und unterschiedlichen Griffmaterialien gebaut. Die Messer habe ich bereits im Forum vorgestellt. Die Messer haben ungefähr die gleiche Form und Klingengeometrie sowie eine Schneidenstärke von ca. 0,3 mm – 0,4 mm bei einem Schneidenwinkel von gesamt ca. 30°. Das CPM 3V Messer habe ich von ballig auf Null mit kleiner Microphase wieder auf flach umgeschliffen, um identische Testbedingungen zu schaffen.

Ich habe folgende Stähle und Griffmaterialien ausgewählt:

1.2379 (D2 58°HRc) und Leinen Micarta (grün)

1.4112 (440B 58° HRc) und Holz (Macacauba)

1.2363 (A2 64° HRc) und Canvas Micarta (Python)

CPM 3V (63° HRc) und Raffir

Die Messer sollen im Rahmen eines Passarounds verglichen werden. Es soll geprüft werden, ob sich die Messer im praktischen Einsatz bezüglich: Schärfe, Schnitthaltigkeit, Zähigkeit sowie Nachschärfbarkeit unterscheiden und falls ja, wie sich die Unterschiede auswirken. Darüber hinaus soll ermittelt werden welche der verwendeten Griffmaterialien für den jeweiligen Tester die beste Haptik besitzen (das kann natürlich subjektiv sehr unterschiedlich bewertet werden).

Als Tester haben sich dankenswerterweise, herbert, excalibur und Agentdan zur Verfügung gestellt.

Ich suche noch einen vierten Tester. Ich würde mich freuen, wenn noch jemand mitmachen möchte. Wer mitmachen möchte, sollte hier schon mind. 6 Monate Mitglied sein und einige Beiträge verfasst haben. Ach so, ein Punkt noch, wer mitmachen möchte sollte natürlich auch in der Lage sein ein Messer zu schärfen. Wer Interesse hat, bitte melden! :)

Am Ende des Passarounds werden als kleine „Entschädigung“ 2 EDC`s verlost. Der Gewinner darf sich eines der beiden EDC´s auswählen, der zweite Gewinner bekommt dann das nicht ausgewählte EDC.

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Morgen gehen die Messer zum ersten Tester.

Ich wünsche allen viel Spaß und freue mich schon jetzt auf die ersten Testergebnisse.

Gruß, Matthias
 
Lieber Matthias,
Es wäre mir eine Freude, bei dem Test mitzuwirken, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich die nötige Expertise mitbringe. Aber vielleicht interessiert ja auch die Sicht eines etwas gereiften Anfängers.
 
Testbericht

Zunächst einmal habe ich mich sehr gefreut, dass mir Matthias die Möglichkeit gegeben hat, 4 seiner Messer im Vergleich zu testen. Ich habe ja das Vergnügen, bereits mehrere Messer von ihm testen zu können und zu habe auch einige davon im Bestand, an denen ich mich regelmäßig erfreue.

Die Vorgaben hier waren folgende:
Die Messer sollten auf Schärfe, Schnitthaltigkeit, Zähigkeit, Nachschärfbarkeit und Haptik geprüft werden, wobei die Haptik natürlich immer subjektiv ist. Da die Messer alle ähnliche Maße und Geometrie aufweisen und sich nur in Stahl und Griffmaterial deutlich unterscheiden, habe ich mich für ein (mehr oder weniger) standardisiertes Testverfahren entschieden. Ansonsten wäre es schwierig die Unterschiede bezüglich der Ausgangsfrage herauszufinden.

Die Kandidaten in der Reihenfolge in der ich getestet habe:
1) 1.2379 (D2 58°HRc) und Leinen Micarta (grün)
2) 1.2363 (A2 64° HRc) und Canvas Micarta (Python)
3) 1.4112 (440B 58° HRc) und Holz (Macacauba)
4) CPM 3V (63° HRc) und Raffir 1.2379 (D2 58°HRc) und Leinen Micarta (grün)

Ersteindruck-Haptik-Scheide
Da die Haptik subjektiv ist und sich aus meinen ersten Eindrücken ergeben fange ich damit an.
Alle Messer kamen scharf bei mir an und steckten in gut passenden Lederscheiden mit Gürtelschlaufe.

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Die Handlage ist über jeden Zweifel erhaben und alle Messer liegen in verschiedenen Griffhaltungen sehr gut und sicher in der Hand. Ich konnte hier keine Unterschiede bei den verschiedenen Griffmaterialien feststellen und möchte auf ein Ranking verzichten, weil das dann von optischen Präferenzen geprägt wäre. Ein Jimping ist nicht angebracht, was sich im Laufe der Tests noch als nützlich erweisen sollte, insbesondere bei kraftvollen Druckschnitten im „Dauerbetrieb“.
Der Griffabschluss und der Fingerguard machen ein Lanyard(loch) imho überflüssig. Das konnte ich in einer Testsituation ungeplant bestätigen. 😉
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Der Testaufbau:
Zunächst habe ich die Messer alle mit dem Leder abgezogen, so dass sie dünnes „Kellnerpapier“ sauber schneiden, quasi alle auf Endschärfe gebracht. Alle Messer waren extrem scharf und flogen quasi geräuscharm durchs Papier. Haare vom Arm waren locker zu rasieren. Da ich vergessen hatte welche Stähle verwendet wurden, habe ich bewusst darauf verzichtet nochmal in den Vorstellungsthread zu schauen und quasi blind verkostet.

Auch wenn die Unterschiede marginal waren, habe ich versucht auch in der Ausgangsschärfe minimale Unterschiede auszumachen:
Subjektive Rangliste:
Raffir
Holz
Python
Grün
Ausgangsschärfe.jpg Schärfe.jpg
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Test 1 Kartonage
Jedes Messer hatte einen stabilen Transportkarton zu zerkleinen. Nach jeweils 10 Schnitten habe ich die Schärfe an dem feinen Kellnerpapier gestestet. Dies habe ich so lange gemacht, bis das Messer „ganz leicht rupfig“ am Papier wurde.
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Ergebnisse:
Grün 90 Schnitte
Python 100 Schnitte
Holz 90 Schnitte
Raffir 110 Schnitte



Nachschärfbarkeit:
Danach wurde jedes Messer mit jeweils 10 Doppelzügen im 30 Grad Winkel über die grauen und weißen Steine (Kante) des Sharpmaker gezogen und erneut einem Papiertest unterzogen, um Unterschiede bei der (schnellen) Schärfbarkeit festzustellen.
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Ergebnis:
Grün **
Python ***
Holz ***
Raffir ****

Test 2 Hartholz (Buche knochentrocken)
In diesem Test sollte die Schnitzfähigkeit geprüft werden. Als ich die Stöcke ausgepackt habe, dachte ich nur „das wird hart“. Die Dinger haben ihrem Namen alle Ehre gemacht. Durch die geringe Länge von 30cm war auch ein unterstützendes Einklemmen unterm Arm nicht möglich. Die Messer mussten also ordentlich performen. Aufgabe war mit möglichst wenigen Schnitten einen Vampirpflock herzustellen 😉
Ich war ziemlich überrascht, wie gut die Messer die Aufgabe bewältigt haben. Keins der Messer hatte wirkliche Probleme mit der Aufgabe.
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Benötigte Schnittzahlen im Vergleich:
Grün 26
Phython 20
Holz 25
Raffir 13 (Das war der eindeutige Sieger. Schnitzt wie der Teufel)

Danach war am Papier eigentlich kein Verlust an Schärfe festzustellen, dennoch habe ich vor dem nächsten Test alle Messer übers Leder gezogen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Test 3 Zugschnitt:
Mittels einer alten Fischwaage (mit Feder) wollte ich testen, wie sich die Messer im Zugschnitt an einer Reepschnur schlagen. Dazu wurde die Schnur an der Waage befestigt und der Zugwiderstand gemessen, bei dem die Messer (mittig angesetzt) die Schnur zerteilen.

Ergebnis (Man bedenke, dass die Waage einige Zeit und Einsatz auf dem Buckel hat. Ich bürge nicht für die korrekten Werte, aber im Vergleich war es aussagekräftig genug:
Grün 4,5 kg
Python 3 kg
Holz 2,5 kg
Raffir 2 kg (erneut Sieger)
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Test 4: Grip
Die „Griffsicherheit“ des Messers unter Last wollte ich nicht ungetestet lassen und habe dazu einen 10 Liter Eimer mit Wasser verwendet. Diesen habe ich mit Reepschnur über den Klingenrücken angehoben. Es waren keine Unterschiede festzustellen. Einen zweiten Versuch mit eingeölten Griffen hat mir die Sicherheitsbeauftragte im Testzentrum jedoch untersagt. 😊
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Test 5: Penetrationsfreude
Getestet werden sollten eventuelle Unterschiede in der Penetrationsfähigkeit. Hiezu habe ich die Kartonreste gestapelt und mit dem ausgestreckten Arm aus Überkopfhöhe das Messer in die Kartonage gestochen. Ich habe versucht den Arm nur mit dem Eigengewicht und ohne Muskelkraft fallen zu lassen. Bei diesem Test bestand die Schwierigkeit darin den „Wurfarm“ locker zu lassen, bei gleichzeitig sicherem Festhalten des Messergriffs. Beim ersten Durchgang wäre ich beinahe in die Klinge gerutscht und wurde quasi vom Fingerguard gerettet. (Good Job, Matthias!)

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Eindringtiefe im Vergleich:
Grün 7 Kartons
Python 8
Holz 8
Raffir 9 (knapper Sieger)
 
Zuletzt bearbeitet:
Test 6: Die Königsdisziplin, oder Manilarope ist Teufelszeug!
An dieser Stelle kam es zu einem unfreiwilligen Härtetest. Beim Auffächern des Seils habe ich aus Unachtsamkeit mit einer Windung das Raffir vom Tisch gefegt und es wuchtig mit der Spitze auf den gegossenen Betonboden geschleudert. FCK!!! Die Spitze hat zwar überlebt, aber es waren dennoch Ausbrüche auf den ersten Millimetern. (Auch hier Good Job mit der WB, Matthias!) ich habe mit meinen bescheidenen Mitteln den Schaden versucht zu beheben. Auf den folgenden Test hatte der Zwischenfall Gott sei Dank keinen Einfluss.
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Die Messer wurden am Seil getestet, was sich als wirkliche Herausforderung darstellte. Das Zeug ist wirklich kein Spaß für eine Klinge. Alle Messer mussten so viele Schnitte absolvieren, bis sie kein Kellnerpapier mehr schneiden konnten. Dies habe ich alle zwischendurch immer wieder getestet.

Grün 17 Schnitte
Python 26
Holz 22
Raffir 38! (Wow)

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Test 7: Nachschärfen bis zum Optimum
Die Messer hatten noch alle eine Gebrauchsschärfe nach dem Härtetest, sollten nur aber wieder auf Ausgangsschärfe gebracht werden und in diesem Zuge getestet werden, wie aufwändig das mittels Sharpmaker und Leder ist. Dazu habe ich die benötigten Züge auf SM und Leder gezählt, die nötig waren bis Rasurschärfe und Kellnerpapier Skills wieder hergestellt waren. Das fand ich ziemlich spannend, weil ich im Alltag diesbezüglich ziemlich nerdig bin und meine Messer nach jeder Nutzung übers Leder ziehe. Selten, dass ich also Messer im eigentlichen Sinne nachschärfen muss.
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Grün
Grau Kante 10 (jeweils Doppelzüge)
Grau Flach 20
Weiß Kante 15
Weiß Flach 50
Leder 30

Python
Grau Kante 15 jeweils Doppelzüge
Grau Flach 10
Weiß Kante 10
Weiß Flach 10
Leder 15

Holz
Grau Kante 15 jeweils Doppelzüge
Grau Flach 15
Weiß Kante 10
Weiß Flach 20
Leder 20

Raffir
Grau Kante 10 jeweils Doppelzüge
Grau Flach 10
Weiß Kante 10
Weiß Flach 10
Leder 20

Das ist bei allen Messern ein vertretbarer Aufwand gemessen an der „Manila Tortur“.
 
Zuletzt bearbeitet:
Sehr stark vorgelegt! Kreativ getestet, nachvollziehbar ausgewertet und schön bebildert. Solche Berichte lese ich mit großer Freude! Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

Überraschend fand ich, dass (nach meiner Lesart)
  • die Klingen beim Kartonschneiden trotz der sehr unterschiedlichen Legierungen und Härten doch relativ nah beieinander lagen,
  • die Klinge aus 440B der aus D2 mindestens ebenbürtig oder gar überlegen war und
  • sich die Klinge aus 3V mit 63 HRC quasi am einfachsten Schärfen ließ.
Vielen Dank an Matthias und @agentdan für den enormen Aufwand, der in diesem Projekt steckt!
 
Dankeschön 🙏

Dass der 440B so gut performen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Gut, dass ich das vorher nicht wusste, denn bei dem Stahl hätte ich definitiv Vorurteile gehabt. Ist eben super wärmebehandelt und eine schneidfreudige Geometrie gewählt worden.
 
Ja, @agentdan , das sind ja tolle Tests mit hohem Aussagewert! Viele Ideen hast Du da reingesteckt, und belastbare Ergebnisse gewonnen. Das könnte ein Set von Standard-Tests sein, wenn man solche Vergleiche anstellt. Und die Bebilderung ist extrem gut gelungen und auch sehr aussagekräftig. Kellnerpapier, das ist es! Besser als post-its!

Auch Deine akribische Aufzählung des Schärfaufwandes ist sicher sehr interessant für die Beurteilung der Klingen.

Und Überraschungen gab es ja auch, ich zitiere nur @Bukowski Hätte ich auch so nicht unbedingt erwartet.
Also Wärmebehandlung macht eine Menge aus. Hier hat man ja endlich mal einen Test, bei dem ausser Stahl sonst alles (ziemlich) gleich war.

So machen passarounds wirklich Freude!
Gruß
Herbert
 
Servus,

mit so einem Aufwand macht das halt Sinn und den muss man erstmal bringen. Absolut geniales „Messerzirkeltraining“ als Versuchsaufbau. Du siehst mich begeistert. Da stecken einige Stunden an Zeit und viel kreativer Ansatz drinnen. Absolut Top durchgezogen.👍👍👍

Ich bin auf dein endgültiges Fazit gespannt 🤩

Gruß, güNef
 
@agentdan
Vielen Dank! Du bist in die Bresche gesprungen und hast den Passaround ins Laufen gebracht! Du hast beim Testen großen Aufwand betrieben und auch keine Kosten gescheut, um effektive und interessante Testverfahren zu präsentieren. Auch dafür möchte ich dir danken! Du hast es deinen Nachfolgern nicht einfach gemacht. ;):D::

Die Testergebnisse waren für mich größtenteils keine große Überraschung. Ich wußte, dass der 1.4112 Potenzial hat, ich habe in der Vergangenheit umfangreiche Tests (unterschiedliche Wärmebehandlungen) durchgeführt. Allerdings hat es mich gewundert, dass der 1.4112 dem 1.2379 überlegen war. Das hat sicherlich auch etwas mit dem individuellen "Schärfeanspruch" zu tun, da der 1.2379 sehr schnell seine Rasurschärfe verliert aber sehr lange eine gute Gebrauchsschärfe hält. Das gute Abschneiden des 1.2363 liegt sicherlich auch ein Stück weit an der hohen Härte des Stahls. (Ich war überrascht über die hohe Härte, ich hatte bei meiner gewählten Wärmebehandlung mit 1° HRc - 2° HRc weniger gerechnet. Dieser hohe Wert ist wahrscheinlich der Aceton/Trockeneis Kältemischung geschuldet). Da trotz allem alle Stähle, mit Außnahme des CPM 3V, relativ dicht beisammen liegen wird deutlich, dass die Performance eines Messers ganz wesentlich von der Geometrie der Klinge abhängt. Ich bin gespannt wie es weiter geht. :)

Gruß
Matthias
 
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